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4. KAPITEL
‚ABDU’L-BAHÁ: DER DIENER GOTTES

»Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch des Ursprungs beendet ist, dann wendet euch Ihm (‚Abdu’l-Bahá) zu, den Gott auserwählt hat – Ihm, der dieser altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist.«

(BAHÁ’U’LLÁH, Kitáb-i-‚Ahd, Buch des Bundes S.10)

+4:1 #69 Geburt und Kindheit

‚Abbás Effendi, der später den Titel ‚Abdu’l-Bahá (d.h. Diener von Bahá) annahm, war der älteste Sohn von Bahá’u’lláh. Er wurde in der Nacht zum 23. Mai 1844, kurz vor Mitternacht, in Tihrán geboren¹, in der gleichen Nacht, da der Báb Seine Sendung verkündete.

¹ Donnerstag, 5. Jamádíyu’l-Avval 1260 d.H.

‚Abbás Effendi war neun Jahre alt, als sein Vater, dem er schon damals ergeben anhing, in Tihrán in das Gefängnis geworfen wurde. Ein Volkshaufe plünderte ihr Haus, und die Familie wurde von ihren Besitzungen vertrieben und der Not ausgeliefert. ‚Abdu’l-Bahá erzählt, wie ihm eines Tages erlaubt wurde, den Gefängnishof zu betreten, um seinen geliebten Vater zu sehen, wie Er zur täglichen Bewegung ins Freie kam. Bahá’u’lláh war erschreckend angegriffen und so krank, daß Er kaum gehen konnte. Sein Haar und Sein Bart waren verwirrt, Sein Nacken wundgescheuert und geschwollen vom Druck eines schweren stählernen Halseisens, Sein Körper gebeugt vom Gewicht Seiner Ketten, und der Anblick machte einen unvergeßlichen Eindruck auf das Gemüt des empfänglichen Knaben.

Während der ersten Jahre ihres Aufenthalts in Bagdád, zehn Jahre vor der öffentlichen Erklärung Seiner Sendung durch Bahá’u’lláh, führte seine scharfe Einsicht ‚Abdu’l-Bahá, der damals erst neun Jahre alt war, bereits zu der überwältigenden Entdeckung, daß sein Vater in der Tat der Verheißene sei, dessen Manifestation alle Bábí erwarteten. Etwa sechzig Jahre später beschreibt er den Augenblick, da diese Überzeugung plötzlich von seinem ganzen Wesen Besitz ergriff, wie folgt.

»Ich bin der Diener der Gesegneten Vollkommenheit. In Bagdád war ich ein Kind. Damals und dort verkündigte Er mir das Wort und ich glaubte an Ihn. Sobald Er mir das Wort verkündete, warf ich mich zu Seinen heiligen Füßen und bat und flehte zu Ihm, mein Blut als Opfer auf Seinem Pfade anzunehmen. Opfer! Wie köstlich finde ich dieses Wort! Es gibt keine größere Gnade für mich als diese! Welch größeren Ruhm könnte ich mir denken, als diesen Nacken in Ketten gelegt um Seinetwillen, diese Füße gefesselt für Seine Liebe, diesen Körper verstümmelt oder in die Tiefen des Meeres geworfen zu sehen für Seine Sache! Wenn wir Ihn in Wahrheit aufrichtig lieben, wenn ich in Wahrheit Sein aufrichtiger Diener bin, dann muß ich mein Leben, mein Alles an Seiner gesegneten Schwelle opfern.«¹

¹ Aus Tagebuchnotizen von Mírzá Ahmad Sohrab, Januar 1914

Während dieser Zeit fing er an, von seinen Freunden »das Geheimnis Gottes« genannt zu werden, ein Titel, der ihm von Bahá’u’lláh gegeben wurde und unter dem er während der Zeit des Aufenthalts in Baghdád gemeinhin bekannt war. Als sein Vater sich für die Dauer von zwei Jahren in die Wildnis zurückzog, wollte ‚Abbás das Herz brechen. Sein einziger Trost bestand im Abschreiben und im Auswendiglernen der Tablets des Báb, und viel Zeit brachte er in einsamer Gebetsandacht zu. Als schließlich sein Vater zurückkehrte, war der Knabe von Freude überwältigt.

 

 

+4:2 #71 Jugend

Von dieser Zeit an wurde ‚Abbás Effendi seines Vaters vertrautester Gefährte und sozusagen sein Beschützer. Obgleich erst ein Jüngling, zeigte er doch bereits staunenswerte Klugheit und Scharfsinn, und er übernahm die Aufgabe, den zahllosen Besuchern, die ununterbrochen zu seinem Vater kamen, Rede und Antwort zu stehen. Wenn er merkte, daß es sich um wirkliche Wahrheitssucher handelte, geleitete er sie in die Gegenwart seines Vaters, andernfalls aber erlaubte er nicht, daß Bahá’u’lláh gestört wurde. Bei vielen Gelegenheiten half er seinem Vater beim Beantworten von Fragen und bei der Behebung von Schwierigkeiten dieser Besucher. Als z.B. einer der Súfí-Führer, namens ‚Alí Shawhat Páshá, um eine Auslegung des Wortes bat:

»Ich war ein verborgenes Geheimnis«

das in einer wohlbekannten muhammadanischen Überlieferung vorkommt¹, wandte Bahá’u’lláh sich an das »Geheimnis Gottes«, ‚Abbás, und bat ihn, die Auslegung niederzuschreiben. Der Jüngling, der damals fünfzehn oder sechzehn Jahre alt war, schrieb darauf eine bedeutende Abhandlung, die eine so erleuchtende Auslegung enthielt, daß der Páshá erstaunte. Diese Epistel ist jetzt unter den Bahá’í weit verbreitet und ist auch manchem dem Bahá’í-Glauben Fernstehenden bekannt.

Während dieser Zeit war ‚Abbás ein eifriger Besucher der Moscheen, wo er theologische Themen mit den Lehrern und Gelehrten besprach. Er besuchte nie eine Schule oder eine Universität, sein einziger Lehrer war sein Vater. Seine beliebteste Erholung bestand im Reiten, woran er große Freude zeigte.

Nach der Erklärung von Bahá’u’lláh in dem Garten außerhalb Baghdáds wurde ‚Abdu’l-Bahás Ergebenheit seinem Vater gegenüber größer denn je. Auf der langen Reise nach Konstantinopel behütete er Bahá’u’lláh Tag und Nacht, ritt neben Seinem Wagen und wachte bei Seinem Zelt. So weit wie möglich hielt er alle häuslichen Sorgen und Verantwortung von seinem Vater ab und wurde so die Hauptstütze und der Trost der ganzen Familie.

Während der in Adrianopel verbrachten Jahre wurde ‚Abdu’l-Bahá jedermann teuer. Er lehrte viel und wurde allgemein bekannt als »er Meister«. In ‚Akká, als nahezu alle Gefährten an Typhus, Malaria und Ruhr krank lagen, wusch er die Patienten pflegte sie, gab ihnen das Essen, wachte bei ihnen, wobei er sich keine Ruhe schenkte bis er selbst aufs äußerste erschöpft, sich die Ruhr zuzog und dabei etwa einen Monat in lebensgefährlichem Zustand schwebte. In ‚Akká wie in Adrianopel lernten ihn alle Volksschichten, vom Gouverneur bis zum elenden Bettler, lieben und achten.

¹ Diese Überlieferung ist angeführt in einem Tablet von Bahá’u’lláh, vgl. Kap. 5 dieses Buches.

 

 

+4:3 #72 Heirat

Die folgenden Einzelheiten über die Heirat von ‚Abdu’l-Bahá wurden dem Verfasser freundlicherweise von einem persischen Geschichtsschreiber der Bahá’í-Religion zur Verfügung gestellt:

»Während der Jugendzeit ‚Abdu’l-Bahás war begreiflicherweise die Frage einer passenden Heirat für ihn von großem Interesse für die Gläubigen, und viele Leute kamen mit dem Wunsche, sich diese Ehrenkrone für ihre Familie zu sichern. Lange aber zeigte ‚Abdu’l-Bahá keine Neigung zur Heirat, und niemand verstand die Weisheit hiervon. Später wurde dann bekannt, daß ein Mädchen lebte, das bestimmt war, ‚Abdu’l-Bahás Frau zu werden; ihre Geburt entsprang einem Segen des Báb, den Er ihren Eltern in Isfáhán erteilt hatte. Ihr Vater war Mírzá Muhammad ‚Alí, der Onkel des `Königs der Märtyrer` und des `Geliebten der Märtyrer`, und sie gehörte zu einer der großen und vornehmen Familien von Isfáhán. Als sich der Báb in Isfáhán aufhielt, besaß Mírzá Muhammad ‚Alí keine Kinder, aber seine Frau sehnte sich nach einem Kind. Als der Báb davon vernahm, gab Er ihm von Seiner Speise und hieß ihn, diese mit seinem Weib gemeinsam zu verzehren. Nachdem sie diesen Bissen gegessen hatten, wurde bald offenbar, daß ihre langersehnten Hoffnungen auf Elternschaft sich zu erfüllen im Begriff waren, und zur gegebenen Zeit wurde ihnen eine Tochter geboren, die den Namen Munírih Khánum erhielt¹. Später ward dann noch ein Sohn geboren, dem man den Namen Siyyid Yahyá gab, und in späteren Jahren bekamen sie noch weitere Kinder. Im Laufe der Zeit starb Munírihs Vater, ihre Vettern erlitten durch Zillu’s-Sultán und die Mullás den Märtyrertod, und über die Familie kam große Not und bittere Verfolgung, da sie Bahá’í waren. Bahá’u’lláh erlaubte dann Munírih und ihrem Bruder Siyyid Yahyá in Seinen Schutz nach ‚Akká zu kommen. Bahá’u’lláh und Seiner Gemahlin Navváb, der Mutter von ‚Abdu’l-Bahá, erzeigte Munírih solche Freundlichkeit und Liebe, daß die andern verstanden, warum sie wünschten, daß sie die Gemahlin von ‚Abdu’l-Bahá werden sollte. Der Wunsch seines Vaters und seiner Mutter wurde auch der Wunsch von ‚Abdu’l-Bahá. Er empfand warmes Liebesgefühl und herzliche Zuneigung für Munírih, die von Herzen erwidert wurden, und binnen kurzem vereinigte sie die Ehe.«

Diese Ehe gestaltete sich außerordentlich glücklich und harmonisch. Von den ihnen geborenen Kindern haben vier die Schrecken der langen Einkerkerung überlebt und sind durch ihr wundervolles Leben im Dienen allen teuer geworden, die den Vorzug hatten, sie kennenzulernen.

¹ Es ist interessant, diese Geschichte mit der von der Geburt Johannes des Täufers zu vergleichen. (Lukas 1.Kapitel)

 

 

+4:4 #73 Mittelpunkt des Bündnisses

Bahá’u’lláh tat auf verschiedene weise kund, daß ‚Abdu’l-Bahá Sein Nachfolger sein sollte. Viele Jahre vor Seinem Tod erklärte Er dies verhüllt in Seinem Kitáb-i-Aqdas. Er verwies auf ‚Abdu’l-Bahá bei verschiedenen Gelegenheiten als auf den »Mittelpunkt des Bündnisses«, »den größten Ast«, »den Ast aus der altehrwürdigen Wurzel«. Er sprach von Ihm gewöhnlich als dem »Meister« und forderte von Seiner ganzen Familie, daß alle mit Ihm in betonter Hochachtung verkehrten; und in Seinem Willen und Testament hinterließ Er ausdrückliche Anweisungen, daß sich alle zu Ihm hinwenden und Ihm gehorchen sollten.

Nach dem Tode der »Gesegneten Schönheit« (wie Bahá’u’lláh allgemein von Seiner Familie und den Gläubigen genannt wurde) trat ‚Abdu’l-Bahá in die Stellung ein, die Sein Vater ausdrücklich für Ihn bestimmt hatte, als Haupt des Glaubens und als bevollmächtigter Ausleger der Lehren; aber dies rief den Groll gewisser Verwandter und anderer Personen hervor, die in der gleichen bitteren Gegnerschaft zu ‚Abdu’l-Bahá standen wie Subh-i-Azal zu Bahá’u’lláh. Sie bemühten sich, Uneinigkeit unter die Gläubigen zu tragen, und als ihnen dies nicht glückte, gingen sie dazu über, verschiedene falsche Beschuldigungen gegen ‚Abdu’l-Bahá bei der türkischen Regierung zu erheben.

Im Sinne der Anweisungen, die ‚Abdu’l-Bahá von Seinem Vater erhalten hatte, errichtete Er einen Bau am Abhang des Berges Karmel, oberhalb Haifa, der bestimmt war, der dauernde Ruheplatz für die Gebeine des Báb zu sein, und auch eine Anzahl Räume für Versammlungen und Gottesdienste enthalten sollte. Sie stellten nun den Behörden vor, dieser Bau habe den Zweck, als Festung zu dienen, und ‚Abdu’l-Bahá und Seine Anhänger hätten die Absicht, sich hier zu verschanzen, der Regierung Trotz zu bieten und nach dem Besitz des angrenzenden Gebiets von Syrien zu streben.

 

 

+4:5 #74 Aufs neue strenge Gefangenschaft

Infolge dieser und anderer ähnlicher unbegründeter Anschuldigungen wurden ‚Abdu’l-Bahá und Seine Familie, die sich seit mehr als zwanzig Jahren der Freiheit in der Gegend von mehreren Meilen rund um ‚Akká erfreut hatten, im Jahre 1901 wieder für die Dauer von mehr als sieben Jahren streng auf den Raum innerhalb der Mauern der Gefängnisstadt beschränkt. Dies hinderte Ihn aber nicht an der wirksamen Verbreitung der Bahá’í-Botschaft über Asien, Europa und Amerika hin. Horace Holley schreibt über diese Zeitspanne (The Modern Social Religion p.171):

»Zu ‚Abdu’l-Bahá, dem Lehrer und Freund, kamen viele Männer und Frauen jeder Rasse, Religion und Nation, an Seinem Tisch zu sitzen gleich lieben Gästen, und befragten Ihn über soziale, geistige oder moralische Fragen, die sie am meisten beschäftigten; nach einem Aufenthalt, der zwei Stunden bis zu vielen Monaten dauerte, kehrten sie heim, vom Geist durchdrungen, neubelebt und erleuchtet. Die Welt besaß sicher kein gastfreieres Haus als dieses. Hinter Seinen Türen schmolzen die starren Kastenschranken Indiens, das Rassenvorurteil der Juden, Christen und Muhammadaner verwehte wie eine Erinnerung; und jede Konvention, nur nicht die des warmen Herzens und des strebsamen Geistes, brach zusammen, vergessen und versunken vor der einigenden Liebe des Herrn des Hauses. Es war wie bei König Arthur und seiner Tafelrunde … aber bei einem Arthur, der sowohl Frauen als Männer zu Rittern schlug, und sie aussandte nicht mit dem Schwert, sondern mit dem Wort.«

Während dieser Jahre bewältigte ‚Abdu’l-Bahá einen umfangreichen Briefwechsel mit Gläubigen und Fragestellern in allen Teilen der Welt. Bei diesem Werk wurde Er kräftig unterstützt von Seinen Töchtern und auch von verschiedenen Dolmetschern und Sekretären.

Viel von Seiner Zeit opferte Er dem Besuch von Kranken und Elenden in ihrem Heim; und in den ärmsten Vierteln von ‚Akká war keiner willkommener als der »Meister«. Ein Pilger, der ‚Akká zu dieser Zeit besuchte, schrieb:

»Es ist die Gewohnheit von ‚Abdu’l-Bahá, jede Woche am Freitagmorgen Almosen an die Armen zu verteilen. Von Seinem eigenen knappen Vermögen gibt Er ein wenig allen Bedürftigen, die zu Ihm um Hilfe kommen. Diesen Morgen sind etwa hundert reihenweise aufgestellt, sitzen oder kauern auf dem Boden, auf der offenen Straße vor dem Hof, vor ‚Abdu’l-Bahás Haus. Und eine unbeschreibliche Auslese der Menschheit ist es. Allerlei Männer, Frauen und Kinder – arm, geplagt, trostlos anzusehen, nur halb bekleidet, viele von ihnen verkrüppelt und blind, wirkliche Bettler, unsagbar arm, geduldig wartend, bis ‚Abdu’l-Bahá aus dem Torweg tritt … Lebhaft schreitet Er von einem zum andern, da einige Augenblicke anhaltend, um ein Wort des Mitgefühls und der Aufmunterung an jeden zu richten, und läßt Geldmünzen in jede gierig ausgestreckte Hand fallen, streichelt ein Kindergesicht, ergreift die Hand einer alten Frau, die den Saum Seines Gewandes umfaßt hat, als Er vorbeischreitet, spricht Worte des Lichts mit dem alten, erblindeten Mann, fragt nach denen, die zu schwach und elend sind, um die kleine Gabe selbst zu holen, und sendet ihnen ihren Anteil mit der Botschaft der Liebe und der Aufmunterung.« (M. J. M., Glimpses of ‚Abdu’l-Bahá, p.13)

‚Abdu’l-Bahás persönliche Bedürfnisse waren gering. Er arbeitete von früh bis spät. Zwei einfache Mahlzeiten des Tags genügten Ihm. Sein Kleiderschrank enthielt nur sehr wenige Kleidungsstücke aus billigem Stoff. Er konnte es nicht ertragen, im Überfluß zu leben, während andere Mangel litten. Er hatte große Liebe zu Kindern, Blumen und den Schönheiten der Natur. Jeden Morgen um sechs oder sieben Uhr pflegte sich die Familie zu versammeln, um den Frühstückstee gemeinsam einzunehmen, und während der Meister seinen Tee trank, sangen die kleinen Kinder des Haushalts Gebete. Thornton Chase schreibt von diesen Kindern (In Galilee, p.51):

»Solche Kinder habe ich noch nie gesehen, so höflich, so uneigennützig, so für andere bedacht, so unaufdringlich, klug und rasch bereit zum Verzicht in den kleinen Dingen, wie sie Kinder lieben.«

Der »Blumendienst« war ein Kennzeichen des Lebens in ‚Akká, von dem jeder Pilger duftende Andenken mit sich nahm. Mrs. Lukas schreibt (A Brief Account of My Visit to ‚Akká, p.26):

»Wenn der Meister den Duft der Blumen einatmet, ist es wundervoll, Ihn anzusehen. Es sieht aus, als ob der Geruch der Hyazinthen Ihm etwas erzähle, solange Er Sein Angesicht in die Blumen vergräbt. Es gleicht dem Bemühen des Ohrs, eine herrliche Harmonie von Tönen zu vernehmen – mit gesammelter Hingabe.«

Er liebte es, herrliche, süßduftende Blumen Seinen zahlreichen Besuchern zu überreichen. Mr. Thornton Chase faßt seinen Eindruck von dem Gefängnisleben in ‚Akká so zusammen (in Galilee p.24):

Fünf Tage verbrachten wir innerhalb dieser Stadtmauern, als Mitgefangene dessen, der in diesem `Größten Gefängnis` wohnt. Es ist ein Gefängnis des Friedens, der Liebe und des Dienstes. Kein Wunsch, kein Verlangen lebt dort, außer nach dem Glück der Menschheit, dem Frieden der Welt, der Anerkennung der Vaterschaft Gottes und der gemeinsamen Rechte der Menschheit als Seine Geschöpfe, Seine Kinder. In der Tat, das wirkliche Gefängnis, die erstickende Luft, die Trennung von all dem, was das gläubige Herz wünscht, die Bindungen an die Dinge der Welt sind außerhalb dieser Steinmauern, während in ihnen die Freiheit und das reine Wehen des Geistes Gottes wohnt. Alles Störende, alle Unruhe, alle Plage und alle Angst um weltliche Dinge sind von hier ausgeschlossen.«

Den meisten Menschen mögen die Härten des Gefängnislebens als schweres Unglück erscheinen, aber für Abdu’l-Bahá boten sie keine Schrecken. Während seiner Gefangenschaft schrieb Er:

»Grämt euch nicht über meine Gefangenschaft und über mein Unglück. Denn dieses Gefängnis ist mein schöner Garten, mein Heim und Paradies und mein Thron der Herrschaft unter den Menschen. Mein Elend in meinem Gefängnis ist eine Krone für mich, mit der ich strahle unter den Gerechten.«¹

»Man kann glücklich sein in den Verhältnissen des Wohllebens, der Behaglichkeit, des Erfolges, der Gesundheit, des Vergnügens und der Freude; wenn aber jemand glücklich und zufrieden sein kann in unruhigen und harten Zeiten und in Krankheitstagen, so ist dies der Beweis von Seelenadel.«¹

¹ Tablets of ‚Abdu’l-Bahá, Bd.II, p.258,263

 

 

+4:6 #77 Türkische Untersuchungskommissionen

In den Jahren 1904 und 1907 wurden von der türkischen Regierung Kommissionen eingesetzt, um über die gegen ‚Abdu’l-Bahá erhobenen Anklagen Untersuchungen anzustellen, und lügnerische Zeugenaussagen lieferten Beweise gegen Ihn. Während ‚Abdu’l-Bahá die Anschuldigungen zurückwies, brachte Er Seine volle Bereitwilligkeit zum Ausdruck, sich jedem Richterspruch zu unterwerfen, den der Gerichtshof über Ihn fällen würde. Er erklärte, daß Er, selbst wenn sie Ihn ins Gefängnis werfen, durch die Straßen schleifen, verfluchen, anspeien, steinigen und alle Arten von Schmach auf Ihn häufen, Ihn hängen oder erschießen sollten, dennoch sehr glücklich wäre.

Zwischen den Sitzungen der Untersuchungsausschüsse setzte Er Sein gewohntes Leben mit äußerstem Gleichmut fort, pflanzte Fruchtbäume im Garten und stand einem Hochzeitsfest mit der strahlenden Würde geistiger Freiheit vor. Der italienische Konsul erbot sich, Ihm für sichere Überfahrt nach irgendeinem fremden Hafen zu sorgen, den Er bestimmen möge, doch Er lehnte dieses Anerbieten dankend aber entschieden ab mit der Erklärung, daß Er, unter welchen Folgen auch immer, den Fußstapfen des Báb und der »Gesegneten Vollkommenheit« folgen müsse, die nie versuchten, Sich zu retten oder vor Ihren Feinden zu fliehen. Er ermunterte aber die meisten der Bahá’í, die Umgebung ‚Akkás zu verlassen, da große Gefahr für sie bestand, und blieb allein zurück mit wenigen der Gläubigen, Sein Schicksal erwartend.

Die vier bestochenen Beamten, welche die letzte Untersuchungskommission bildeten, kamen in ‚Akká zu Anfang des Winters 1907 an, blieben einen Monat und reisten dann, nach Beendigung ihrer sogenannten »Untersuchung«, wieder nach Konstantinopel zurück, um zu berichten, daß die gegen ‚Abdu’l-Bahá erhobenen Anschuldigungen begründet gewesen seien und Seine Verbannung oder Hinrichtung zu empfehlen sei. Sie waren aber noch nicht in die Türkei zurückgekehrt, als dort die Revolution ausbrach, und die vier Kommissionsmitglieder, die zum alten Regime gehörten, mußten fliehen, um ihr Leben zu retten. Die Jungtürken richteten ihre Herrschaft auf, und alle politischen und religiösen Gefangenen im türkischen Reich wurden in Freiheit gesetzt. Im September 1908 wurde ‚Abdu’l-Bahá aus der Gefangenschaft erlöst, und im folgenden Jahr wurde ‚Abdu’l-Hamíd, der Sultán, selbst ein Gefangener.

 

 

+4:7 #78 Reisen nach dem Westen

Nach Seiner Freilassung setzte ‚Abdu’l-Bahá das gleiche heilige Leben unaufhörlicher Tätigkeit durch Lehren, Briefwechsel, Fürsorge für die Armen und Kranken fort, unter Verlegung des Wohnsitzes von ‚Akká nach Haifa und später nach Alexandria, bis zum August 1911, als Er zu Seinem ersten Besuch des Westens aufbrach. Während Seiner Reisen im Westen kam ‚Abdu’l-Bahá mit Menschen jeder Geistesrichtung zusammen und erfüllte voll und ganz das Gebot von Bahá’u’lláh, »verkehrt mit allen Menschen in Freude und Wohlwollen«. Nach London kam Er Anfang September 1911 und blieb dort einen Monat, in dessen Verlauf Er neben täglichen Gesprächen mit Fragestellern und neben vielen andern Tätigkeiten Ansprachen an die Kongregationen des Rev. R.J. Campbell im City Temple und des Archidiakons Wilberforce an St. John’s, Westminster, hielt und mit dem Oberbürgermeister frühstückte. Er begab sich dann nach Paris, wo Seine Zeit ausgefüllt war mit täglichen Ansprachen und Gesprächen mit eifrig lauschenden Zuhörern vieler Nationen und Rassen. Im Dezember kehrte Er nach Ägypten zurück, und im nächsten Frühling, der dringenden Einladung der amerikanischen Freunde folgend, reiste Er nach den Vereinigten Staaten und kam im April 1912 in New York an. Während der nächsten sieben Monate reiste Er durch Amerika, von Küste zu Küste, wobei Er Ansprachen vor allen Arten und Ständen von Menschen hielt: Universitätsstudenten, Sozialisten, Mormonen, Juden, Christen, Freidenkern, Esperantisten, Friedensgesellschaften, Neugeist-Klubs, Vereinen von Frauenrechtlerinnen. Er sprach auch in Kirchen von nahezu jeder Glaubensrichtung und ließ stets Seinen Ansprachen die Gelegenheit zu persönlicher Aussprache folgen. Am 5. Dezember fuhr Er nach Großbritannien, wo Er mit dem Besuch von Liverpool, London, Bristol und Edinburgh sechs Wochen zubrachte. In Edinburgh hielt Er eine beachtenswerte Ansprache in der Esperantogesellschaft, in der Er verkündete, daß Er die Bahá’í des Ostens aufgemuntert habe, Esperanto zu lernen, damit sich in Zukunft der Westen und der Osten besser verstehen könnten. Nachdem Er dann noch zwei Monate in Paris zugebracht hatte, wie immer mit täglichen Unterredungen und Besprechungen beschäftigt, reiste Er nach Stuttgart, wo Er eine Reihe sehr erfolgreicher Versammlungen mit den deutschen Bahá’í hielt; von da ging Er nach Budapest und Wien, wo Er neue Gruppen gründete, und kehrte alsdann im Mai 1913 nach Ägypten und am 5. Dezember 1913 nach Haifa zurück.

 

 

+4:8 #78 Rückkehr ins Heilige Land

‚Abdu’l-Bahá stand damals im siebzigsten Lebensjahr, und Seine lange und angestrengte Arbeit, die sich noch bei diesen aufreibenden Reisen im Westen gehäuft hatte, hatte Seine Gesundheit sehr angegriffen. Nach Seiner Rückkehr schrieb Er das folgende ergreifende Tablet an die Gläubigen im Osten und Westen:

»Freunde, die Zeit ist gekommen, da ich nicht mehr länger bei euch sein werde. Ich habe getan, was getan werden konnte. Ich habe der Sache von Bahá’u’lláh bis zum äußersten meiner Kräfte gedient. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet alle die Jahre meines Lebens.«

»O, wie sehne ich mich zu sehen, daß die Gläubigen die Verantwortung für die Sache auf sich nehmen! Jetzt ist die Zeit, das Königreich Abhá (des Allhöchsten) zu verkündigen, jetzt ist die Stunde der Einigung und Eintracht! Jetzt ist der Tag geistiger Harmonie der Freunde Gottes ! …«

»Ich lausche nach Osten und Westen, nach Norden und Süden, ob ich vielleicht das Lied der Liebe und der Bruderschaft in den Versammlungen der Gläubigen vernehme. Meine Tage sind gezählt, und sonst gibt es keine Freude mehr für mich.«

»O, wie sehne ich mich, die Freunde geeinigt zu sehen wie ein schimmerndes Perlenband, wie das leuchtende Siebengestirn, wie die Sonnenstrahlen, wie die Gazellen einer Aue!«

»Die geheimnisvolle Nachtigall singt für sie, wollen sie nicht lauschen? Der Vogel des Paradieses lockt, wollen sie nicht hören? Der Engel des Königreichs Abhá ruft sie, wollen sie nicht aufhorchen? Der Bote des Bündnisses¹ tritt für sie ein, wollen sie nicht achtgeben?«

»Ach, ich warte, warte, die frohe Nachricht zu hören, daß die Gläubigen die Verkörperung der Aufrichtigkeit und Treue sind, die verkörperte Liebe und Freundschaft und die Offenbarung von Einheit und Eintracht!«

»Wollen sie mein Herz nicht erfreuen? Wollen sie mein Sehnen nicht stillen? Wollen sie meine dringenden Bitten nicht beachten? Wollen sie meine Hoffnung nicht erfüllen? Wollen sie meinem Ruf nicht antworten?«

»Ich warte, ich warte geduldig!«

¹ Abdu’l-Bahá

Die Feinde des Bahá’í-Glaubens, deren Hoffnungen hoch gestiegen waren, als der Báb als Opfer ihrer Wut fiel, als Bahá’u’lláh aus Seiner Heimat vertrieben und zum lebenslänglichen Gefangenen gemacht wurde, und dann beim Heimgang von Bahá’u’lláh – diese Feinde faßten sich von neuem ein Herz, als sie die körperliche Schwäche und Müdigkeit von ‚Abdu’l-Bahá nach Seiner Rückkehr von den Reisen nach dem Westen wahrnahmen. Aber wieder waren ihre Hoffnungen zum Scheitern verurteilt. Nach kurzer Zeit konnte ‚Abdu’l-Bahá schreiben:

»Ohne Frage wären dieser irdische Körper und die menschliche Kraft überhaupt nicht fähig gewesen, den andauernden Lasten und Mühen zu widerstehen … aber die Unterstützung und Hilfe des Ersehnten waren Hüter und Beschützer des schwachen und demütigen ‚Abdu’l-Bahá … Man hat behauptet, daß ‚Abdu’l-Bahá im Begriff sei, der Welt endgültig Lebewohl zu sagen, daß seine Körperkraft verbraucht und erschöpft sei und daß binnen kurzem diese Umstände seinem Leben ein Ende setzen würden. Dies ist weit von der Wahrheit. Obgleich nach äußerlichem Dafürhalten der Bündnisbrecher und übelgesinnten der Körper wegen der Heimsuchungen auf dem gesegneten heiligen Pfade schwach ist, befinden sich doch, Gott sei gelobt, durch die Vorsehung der Gesegneten Vollkommenheit die geistigen Kräfte in bester Verjüngung und Stärke. Dank sei Gott, daß jetzt, durch Gnade und Segen von Bahá’u’lláh, sogar die Körperkräfte wieder völlig hergestellt sind, mir göttliche Freude geschenkt ist, die erhabenen frohen Botschaften strahlen und geistige Glückseligkeit in überreichem Maße strömt.«¹

Sowohl während als nach Beendigung des großen Kriegs war ‚Abdu’l-Bahá fähig, neben zahllosen anderen Tätigkeiten eine Reihe großer und anfeuernder Briefe zu verfassen, die, als die Verbindungen wieder hergestellt waren, die Gläubigen in der Welt zu neuer Begeisterung und neuem Diensteifer anspornten. Unter dem Geiste dieser Briefe machte der Glaube sprunghafte Fortschritte, und überall zeigte die Sache neues Leben und neue Kraft.

¹ Star of the West, Nr.14, p.213

 

 

+4:9 #81 Kriegszeit in Haifa

Ein bemerkenswertes Beispiel der Voraussicht ‚Abdu’l-Bahás zeigte sich während der Monate unmittelbar vor dem Krieg. In Friedenszeiten war in Haifa gewöhnlich eine große Anzahl von Pilgern aus Persien und anderen Zonen der Erde. Etwa sechs Monate vor Kriegsausbruch legte einer der alten in Haifa lebenden Bahá’í ein Bittgesuch von verschiedenen persischen Gläubigen um Erlaubnis zu einem Besuch beim Meister vor. ‚Abdu’l-Bahá erteilte die Erlaubnis nicht, und von der Zeit an entließ Er nach und nach die Pilger, die in Haifa waren, so daß Ende Juli 1914 keine mehr zurückgeblieben waren. Als dann in den ersten Augusttagen der plötzliche Ausbruch des großen Kriegs die Welt erschreckte, wurde die Weisheit Seiner Voraussicht offenbar.

Als der Krieg ausgebrochen war, wurde ‚Abdu’l-Bahá, der bereits fünfundfünfzig Jahre Seines Lebens in Verbannung und Gefangenschaft zugebracht hatte, tatsächlich wieder ein Gefangener der türkischen Regierung. Die Verbindung (mit den Freunden und Gläubigen außerhalb Syriens war beinahe völlig abgeschnitten, und Er und Seine kleine Schar von Anhängern waren wieder engen Verhältnissen, Nahrungsmangel und großer persönlicher Gefahr und Unbequemlichkeit unterworfen.

Den Krieg über hatte ‚Abdu’l-Bahá eine arbeitsreiche Zeit in der Sorge für die leiblichen und geistigen Bedürfnisse der Menschen Seiner Umgebung. Er rief persönlich ausgedehnte landwirtschaftliche Unternehmungen bei Tiberias ins Leben und sicherte so eine große Zufuhr von Weizen, wodurch Hungersnot abgewendet wurde nicht nur für die Bahá’í, sondern für Hunderte von Armen aller Religionen in Haifa und ‚Akká, deren Bedürfnissen Er großzügig entsprach. Er sorgte für alle und milderte ihre Leiden so gut wie möglich. Täglich gab Er Hunderten von armen Menschen eine kleine Summe Geldes, und dazu schenkte Er ihnen Brot. Wenn es kein Brot gab, verteilte Er Datteln oder etwas anderes. Er machte häufig Besuche in ‚Akká, um die Gläubigen und die armen Menschen dort zu trösten und ihnen zu helfen. Während der Kriegszeit hatte Er täglich Versammlungen mit den Gläubigen und durch Seine Hilfe blieben die Freunde glücklich und ruhig während dieser bewegten Jahre.

 

 

+4:10 #82 Sir ‚Abdu’l-Bahá ‚Abbas, K.B.E.¹

Man atmete in ganz Haifa auf, als am 23. September 1918, 3 Uhr nachmittags, nach einem Kampf von ungefähr vierundzwanzig Stunden, die Stadt von britischer und indischer Reiterei eingenommen wurde und die Schrecken des Kriegszustandes unter der türkischen Regierung ein Ende nahmen.

Mit Beginn der britischen Besetzung suchten Scharen von Soldaten und Regierungsbeamten aller Grade, auch der höchsten, Unterredungen mit ‚Abdu’l-Bahá zu erlangen, um sich an Seinen erleuchtenden Gesprächen zu erfreuen, an der Weite Seiner Gedanken und der Tiefe Seiner Einsicht, an Seiner würdevollen Höflichkeit und Seiner heiteren Gastlichkeit. So tiefe Eindrücke empfingen die Vertreter der Regierung von ‚Abdu’l-Bahás vornehmem Charakter und Seiner großen Arbeit für Frieden, Völkerversöhnung und das wahre Wohlergehen der Menschen, daß Ihm die Ritterschaft des Britischen Reiches verliehen wurde. Die Feier fand im Garten des Militärgouverneurs von Haifa am 27. April 1920 statt.

¹ Knight Commander of the British Empire

 

 

+4:11 #83 Die letzten Jahre

Während des Winters von 1919 auf 1920 hatte der Verfasser das große Vorrecht, zweieinhalb Monate als Gast von ‚Abdu’l-Bahá in Haifa zu weilen und aus nächster Nähe Sein tägliches Leben beobachten zu dürfen. Zu jener Zeit war Er, obgleich annähernd sechsundsiebzig Jahre alt, noch bemerkenswert rüstig und bewältigte täglich eine beinahe unglaubliche Menge von Arbeit. Obgleich oft sehr müde, bewies Er wundervolle Kraft, sich wieder zu erholen, und Seine Dienste standen immer denen zur Verfügung, die ihrer bedurften. Seine unerschöpfliche Geduld, Gütigkeit, Freundlichkeit und Sein Feingefühl machten Seine Gegenwart zu einem Segen. Er war gewohnt, einen großen Teil der Nacht im Gebet und in Andacht zuzubringen. Vom frühen Morgen bis zum Abend, eine kurze Mittagsruhe nach dem Essen ausgenommen, war Er rastlos beschäftigt, Briefe aus vielen Ländern zu lesen und zu beantworten und auf die zahlreichen Angelegenheiten des Haushaltes und des Glaubens zu achten. Nachmittags gönnte Er sich gewöhnlich eine kleine Erholung in Form eines Spaziergangs oder einer Spazierfahrt; aber auch hier hatte Er meist einen oder zwei Begleiter bei sich oder eine Gesellschaft von Pilgern, mit denen Er sich über geistige Dinge unterhalten konnte; oder Er fand auf dem Wege Gelegenheit, einige Arme zu besuchen und für sie zu sorgen. Nach der Rückkehr berief Er die Freunde zur gewöhnlichen Abendversammlung in Sein Zimmer. Beim zweiten Frühstück wie bei der Hauptmahlzeit pflegte Er eine Anzahl Pilger und Freunde zu bewirten und Seine Gäste sowohl mit frohen und lustigen Geschichten als auch mit köstlichen Gesprächen über die verschiedensten Dinge zu erfreuen. »Mein Heim ist das Heim der Freude und des Frohsinns«, erklärte Er. Und es war in der Tat so. Er freute sich, wenn Er Menschen der verschiedenen Rassen, Farben, Nationen und Religionen in Einigkeit und herzlicher Freundschaft um Seinen gastlichen Tisch versammeln konnte. Er war in der Tat ein liebender Vater nicht nur für die kleine Gemeinschaft in Haifa, sondern auch für die Bahá’í-Gemeinschaft in der Welt.

 

 

+4:12 #84 Der Heimgang ‚Abdu’l-Bahás

‚Abdu’l-Bahás mannigfaltige Tätigkeiten dauerten, wenn auch langsam abnehmend, trotz wachsender körperlicher Schwäche und Müdigkeit bis zum zweitletzten oder letzten Tag seines Lebens. Am Freitag, dem 25. November 1921, wohnte Er noch dem Mittagsgebet in der Moschee in Haifa bei und verteilte nachher Almosen an die Armen mit eigener Hand, wie Er gewohnt war. Nach dem zweiten Frühstück diktierte Er einige Briefe. Als Er geruht hatte, erging Er sich im Garten und unterhielt sich mit dem Gärtner. Abends erteilte Er Seinen Segen und seinen Rat einem geliebten, glaubenstreuen Diener des Haushalts, der am selben Tage geheiratet hatte, und später hielt Er die übliche Versammlung der Freunde in Seinem eigenen Zimmer ab. Kaum drei Tage später, eineinhalb Stunden nach Mitternacht, am Montag, dem 28. November, ging Er so friedevoll heim, daß es den zwei an Seinem Bett wachenden Töchtern schien, als ob Er sich ruhig schlafen gelegt habe.

Die traurige Nachricht verbreitete sich bald in der ganzen Stadt und wurde in alle Teile der Welt gedrahtet. Am nächsten Morgen (Dienstag, 29. November) fand das Begräbnis statt,

»ein Begräbnis, wie es in Haifa, ja in ganz Palästina sicherlich noch nie dagewesen ist … so tief war das Gefühl, das so viele Tausende von Trauernden, Vertretern von vielen Religionen, Rassen und Sprachen zusammenführte.«¹

»Der englische Hohe Kommissar, Sir Herbert Samuel, der Gouverneur von Jerusalem, der Gouverneur von Phönizien, die höchsten Staatsbeamten der Regierung, die Konsuln der verschiedenen Länder, die in Haifa wohnten, die Oberhäupter der verschiedenen religiösen Gemeinschaften, die angesehensten Persönlichkeiten Palästinas, Juden, Christen, Moslems, Drusen, Ägypter, Griechen, Türken, Kurden und eine Menge Seiner amerikanischen und europäischen Freunde, und Freunde aus Seinem eigenen Lande, Männer, Frauen und Kinder von hohem und niederem Stand, … sie alle, etwa zehntausend an der Zahl, beweinten den Verlust ihres Geliebten … `O Gott, Du unser Gott!` jammerte das Volk einstimmig, `Unser Vater hat uns verlassen, unser Vater hat uns verlassen!` …«¹

»Sie schritten langsam den weg zum Karmel, dem Weinberge Gottes hinan … Nach zweistündigem, langsamem Gang erreichten sie den Garten am Grabe des Báb … Als sich die große Menschenmenge ringsum drängte, Vertreter der verschiedenen Glaubensrichtungen, Moslems, Christen und Juden, alle Herzen erfüllt von glühender Liebe zu ‚Abdu’l-Bahá, erhoben manche im Impuls des Augenblicks, andere auch vorbereitet, die Stimme in Lob und Schmerz. Sie brachten ihre letzte Ehrenbezeugung und ihr Lebewohl ihrem Geliebten dar. Sie waren in ihrer Trauer noch so verbunden mit Ihm, dem weisen Erzieher und Berater der Menschen in dieser wirren und traurigen Zeit, daß es schien, als bliebe den Bahá’í nichts mehr zu sagen übrig.«¹

Neun Redner, alle hervorragende Vertreter der muhammadanischen, christlichen und jüdischen Gemeinschaften, bezeugten beredt und bewegend ihre Liebe und Bewunderung für das reine und edle Leben, das nun zu Seinem Ende gekommen war. Dann wurde der Sarg langsam zu seinem einfachen und geheiligten Ruheplatz verbracht.

Wahrlich, hier wurde der gebührende Tribut dem Andenken eines Menschen gezollt, der Sein ganzes Leben lang gearbeitet hatte für die Einheit der Religionen, der Rassen, der Sprachen, ein Tribut und zugleich ein Beweis dafür, daß Sein Lebenswerk nicht vergebens war, daß die hohen Gedanken von Bahá’u’lláh, von denen Er Seine Inspirationen erhalten hatte, oder vielmehr, die Sein wahres Leben dargestellt hatten, bereits begannen, die Welt zu durchdringen und die Schranken der Sekten und Kasten niederzureißen, die jahrhundertelang Muhammadaner, Christen, Juden und die andern verschiedenen Gruppen, in die die Menschenfamilie gespalten war, gegenseitig entfremdet hatten.

¹ Lady Blomfield und Shoghi Effendi: »The Passing of ‚Abdu’l-Bahá«

 

 

+4:13 #86 Schriften und Ansprachen

Die Schriften von ‚Abdu’l-Bahá sind sehr zahlreich, und man findet sie meist in der Form von Briefen an Gläubige und Fragesteller. Eine große Menge Seiner Gespräche und Reden wurden ferner in Berichten wiedergegeben, und viele wurden veröffentlicht. Viele der Tausende von Pilgern, die Ihn in ‚Akká und Haifa besuchten, schrieben Schilderungen ihrer Eindrücke, und viele dieser Berichte stehen jetzt gedruckt zur Verfügung. Seine Lehren sind auf diese Weise sehr vollständig erhalten, und sie erstrecken sich auf eine sehr lange Reihe von Themen. Mit vielen der Probleme sowohl des Ostens wie des Westens befaßte Er sich eindringlicher, als es Sein Vater getan hatte, und gab dabei mehr ins einzelne gehende Anwendungen für die von Bahá’u’lláh allgemein niedergelegten Grundsätze. Ein Teil Seiner Schriften ist bis jetzt noch nicht in eine abendländische Sprache übersetzt worden, aber es sind bereits genügend davon zugänglich, um eine tiefe und vollkommene Kenntnis von den wichtigeren Grundsätzen Seiner Lehre zu vermitteln.

Er sprach persisch, arabisch und türkisch. Auf Seinen Reisen im Westen wurden Seine Gespräche und Reden immer übersetzt, wobei sie sichtlich viel von ihrer Schönheit, Beredsamkeit und Kraft verloren, aber die Macht des Geistes, die Seine Worte begleitete, war derartig, daß sie auf alle, die Ihn hörten, den tiefsten Eindruck machten.

 

 

+4:14 #87 Die Stufe ‚Abdu’l-Bahás

Die einzigartige Stufe, die ‚Abdu’l-Bahá durch die Gesegnete Vollkommenheit zugewiesen wurde, wird von Ihm selbst durch folgende Stelle bezeichnet: (Kitáb-i-Ahd S.10)

»Wenn das Meer Meiner Gegenwart verebbt und das Buch des Ursprungs beendet ist, dann wendet euch Ihm zu (‚Abdu’l-Bahá), den Gott bestimmt hat – Ihm, der dieser Altehrwürdigen Wurzel entsprungen ist.«

Und wiederum:

» … wendet euch in allem, was ihr im Buche nicht versteht, an Ihn, der ein Zweig dieses mächtigen Stammes ist.«

‚Abdu’l-Bahá selbst schrieb:

»Im Einklang mit dem ausdrücklichen Wortlaut des Kitáb-i-Aqdas hat Bahá’u’lláh den Mittelpunkt des Bündnisses zum Ausleger Seines Wortes gemacht – ein so festes und mächtiges Bündnis, wie es seinesgleichen seit Anbeginn aller Zeit bis zum heutigen Tag keine religiöse Sendung hervorgebracht hat.«

Die vollkommene Dienstbereitschaft, mit der ‚Abdu’l-Bahá den Glauben von Bahá’u’lláh in Ost und West verbreitete, führte seitens der Gläubigen bisweilen zu unklaren Auffassungen hinsichtlich Seiner Stufe. Unter dem Eindruck der Reinheit des Geistes, der Seine Worte und Taten beseelte, umgeben von religiösen Einflüssen, die den Niedergang ihrer althergebrachten Lehren bedeuteten, glaubte eine Anzahl von Bahá’í, ‚Abdu’l-Bahá zu ehren, wenn sie Ihn mit einer Manifestation verglichen oder Ihn als die Wiederkunft Christi begrüßten. Nichts verursachte Ihm so großen Kummer wie dieser Mangel an der Erkenntnis, daß Seine Fähigkeiten im Dienste Bahá’u’lláhs von der Reinheit des der Sonne der Wahrheit zugewandten Spiegels und nicht von der Sonne selbst herrührten.

Überdies hat der Glaube Bahá’u’lláhs im Unterschied zu früheren Sendungen das Wirkungsvermögen auf die gesamte Menschheit in sich. Während ‚Abdu’l-Bahás Wirken, das sich über die Zeit von 1892 bis 1921 erstreckte, hatte der Glaube auf dem Wege zu einer wahren Weltordnung verschiedene Entwicklungsstadien durchlaufen. Seine Entwicklung erforderte ununterbrochene Führung und ins einzelne gehende Anweisungen durch ‚Abdu’l-Bahá, der allein die Fülle dieser neuen, mächtigen Inspiration kannte, die in diesem Zeitalter in die Welt gekommen war. Bis zur Eröffnung des eigenen »Willens und Testaments« nach dem Hinscheiden ‚Abdu’l-Bahás, und bis dessen Bedeutung durch Shoghi Effendi, den Hüter des Glaubens, dargelegt wurde, maßen die Bahá’í der Führung durch ihren geliebten Meister beinahe unvermeidlich einen Grad von geistiger Autorität bei, welcher dem einer Manifestation gleichkommt.

Die Wirkungen einer solch naiven Begeisterung werden innerhalb der Bahá’í-Gemeinschaft nicht weiter empfunden; aber bei tieferem Eindringen in das Mysterium jener unvergleichlichen Ergebenheit und Dienstbereitschaft können die Bahá’í heute um so bewußter die einzigartige Natur der Sendung erfassen, welche ‚Abdu’l-Bahá vollbrachte. Der Glaube, der im Jahre 1892 durch die leibliche Verbannung und Einkerkerung seines Vorbildes und Auslegers so schwach und hilflos schien, hat seitdem mit unwiderstehlicher Macht Gemeinden in vielen Ländern¹ aufgerichtet und steht der Schwäche einer absterbenden Zivilisation mit einem Gefüge von Lehren gegenüber, die allein die Zukunft einer verzweifelnden Menschheit entschleiern können.

Das Buch »Wille und Testament« von ‚Abdu’l-Bahá stellt an sich mit völliger Klarheit das Geheimnis der Stufen des Báb, Bahá’u’lláh’s und Seiner eigenen Sendung dar: (S.32)

»Die Glaubensgrundlage des Volkes Bahás – möge ihm mein Leben als Opfer dienen – ist diese: `Seine Heiligkeit der Erhabene (der Báb) ist die Offenbarung der Einheit und Einzigkeit Gottes und der Vorläufer der Ewigen Schönheit. Seine Heiligkeit die Abhá-Schönheit – möge mein Leben ein Opfer für Ihre standhaften Freunde sein – ist die höchste Offenbarung Gottes und der Aufgangsort Seines höchst göttlichen Wesens. Alle anderen sind Seine Diener und befolgen, was Er gebietet.`«

Durch diese und zahlreiche andere Feststellungen, in denen ‚Abdu’l-Bahá mit Nachdruck die Wichtigkeit betonte, die Erkenntnis des Glaubens auf Seine allgemeinen Tablets zu gründen, wurde ein Fundament für die Einheit des Glaubens gelegt, mit dem Ergebnis, daß die Verschiedenartigkeit der Auffassungen, verursacht durch Hinweise auf Seine Tablets an einzelne, worin der Meister persönliche Fragen beantwortete, rasch verschwanden. Vor allen Dingen übertrug die Begründung einer endgültigen Verwaltungsordnung mit dem Hüter an ihrer Spitze jede Autorität, die früher einzelne Bahá’í in den verschiedenen örtlichen Gruppen durch Ansehen und Einfluß innehatten, auf administrative Einrichtungen.

¹ 1969 in 139 unabhängigen Staaten und 173 wichtigen Territorien und Inseln. (Vgl. Nachwort S.317.)

 

 

+4:15 #89 Vorbild des Bahá’í-Lebens

Bahá’u’lláh war vor allem der Offenbarer des Wortes. Seine vierzigjährige Einkerkerung gab Ihm nur beschränkte Gelegenheit zum Verkehr mit Seinen Mitmenschen. ‚Abdu’l-Bahá fiel daher die bedeutsame Aufgabe zu, ein lebendes Beispiel der Offenbarung zu werden, der Vollbringer des Wortes, das große Vorbild des Bahá’í-Lebens in wirklicher Berührung mit der Welt von heute, in den verschiedensten Phasen ihrer tausenderlei Tätigkeiten. Er zeigte, daß es immer möglich ist, mitten im Trubel und der Hast des modernen Lebens, inmitten der Eigenliebe und des Ringens nach äußerem Wohlstand, das überall herrscht, das Leben mit vollkommener Ergebenheit in Gott und im Dienste an den Mitmenschen zu leben, wie es Christus und Bahá’u’lláh und alle Offenbarer von den Menschen gefordert haben. In Prüfungen und Wechselfällen, Schwierigkeiten und Verrat auf der einen Seite, in Liebe, Lobpreis, Ergebenheit und Verehrung auf der andern Seite, stand Er einem Leuchtturm gleich, gegründet auf einen Felsen, um den Winterstürme wüten und das sommerliche Meer spielt, wobei Sein Gleichmaß und Seine Ruhe immer fest und unerschüttert blieben. Er lebte ein Leben des Glaubens und forderte Seine Nachfolger auf, es hier und jetzt nachzuleben. Er hißte inmitten einer kriegerischen Welt das Banner der Einheit und des Friedens, die Standarte einer neuen Zeit, und Er verhieß denen, die sich zu ihrem Dienste versammeln, daß sie durch den Geist des neuen Tages inspiriert werden. Es ist derselbe Heilige Geist, der die Offenbarer und die Heiligen alter Zeiten beseelte, aber es ist eine neue Ausgießung dieses Geistes, angepaßt den Bedürfnissen der neuen Zeit.

Quelle:    BAHÁ’U’LLÁH UND DAS NEUE ZEITALTER 

Autor J. E. Esslemont und Shogi Effendi in London

J. E. ESSLEMONT             BAHÁ’Í-VERLAG

Titel des englischen Originals: Bahá’u’lláh and the New Era, by Dr. John Ebenezer Esslemont, London 1923. Third Revised Edition, Wilmette Ill. (U.S.A.) 1970, Copyright by The National Spiritual Assembly of the Bahá’ís of the United States of America.

Deutsch nach der dritten revidierten englischen Ausgabe von 1970 überarbeitete 8.Auflage 1986

ISBN 3 87037 184 6 (c) Bahá’í-Verlag GmbH D-6238 Hofheim-Langenhain

Was für ein Wort, von dem man nicht einmal weis wie man es richtig ausspricht. Ja, es kommt aus der persischen Sprache und man spricht es (nach Lautschrift Ai-jom-e-Hoh). Soweit meine kleine Hilfe, doch wenden wir uns dem zu, was dieses Wort besagt und was es bedeutet:

Eine jede Religion, gerade die großen Weltreligionen, verfügen über einen jeweils eigenen Kalender. Somit verwenden die Bahai, die Anhänger der Bahá’í-Religion den Badí-Kalender der auf dem Sonnenjahr beruht und jährlich zur Tag und Nachtgleiche im März beginnt.Er verfügt über 19 Monate mit jeweils 19 Tage. Wie man sehr schnell sieht, ist die Zahl 19 mehrfach vertreten. Multipliziert man diese Zahlen so stellt man des Weiteren fest, dass das Jahr damit nicht „komplett“ ist, es sind nur 361 Tage – somit fehlen uns einige die wir dann „die eingeschobenen Tage“ benennen.

Die Ayyám-i-Ha sind also die eingeschobenen Tage, die zunächst dazu dienen den Kalender regelmäßig an das Sonnenjahr anzugleichen. Nach diesem Kalendersystem der Bahai fallen die Ayyam-i-Ha (vier bzw. fünf in Schaltjahren) in die Zeit zwischen dem 18. und den 19. Monat  des Badí-Kalenders. Neben dem rein „ordnenden“, also dem kalendarischen Sinn, haben die Ayyam-i-Ha darüber hinaus einen religiösen und symbolischen Wert und sind vor allem der Gastfreundschaft und der Fürsorge anderen Menschen gegenüber gewidmet und sind zugleich Geschenktage.

Sie dienen auch der Vorbereitung auf die neunzehntägige Fastenzeit, der sich „das Neue Jahr“ mit dem Fest des „Neuen Tages „. . . direkt anschließt, dem Naw-Ruz-Fest. Festgelegt wurde der Zeitpunkt dieser Tage in einer der wichtigsten Heiligen Schrift dem Kitab-i-Aqdas, wo sich weitere Hinweise über die spirituelle Bedeutung dieser Zeit finden. Demnach sind die Ayyam-i-Ha die „Tage des (Buchstaben) Ha“, der als heiliger Buchstabe und Träger der „Essenz Gottes“ gesehen wird.

Wir bestimmten, dass diese Tage und Nächte die Offenbarungen des Buchstabens Há seien; so werden sie nicht begrenzt vom Jahr und seinen Monaten. Das Volk Bahás sollte während dieser Tage sich, den Verwandten und auch den Armen und Bedürftigen Festmahle bereiten, den Herrn mit jubelnder Freude preisen und verherrlichen, Sein Lob singen und Seinen Namen erhöhen. Und wenn sich diese Tage des Gebens, die der Zeit der Enthaltsamkeit vorangehen, zu Ende neigen, dann beginne es mit dem Fasten. So hat es der Herr der ganzen Menschheit geboten.“

Diese eingeschobenen Tage (Ayyami-Ha) stellen eine fried- und freudvolle Zeit des Jahres und des Miteinanders dar. Man besucht sich, macht anderen eine Freude. Öffnet sein Haus für Nachbarn, Freunde, Bekannte, Kollegen. In vielen Gemeinden oder auch Familien bereitet man kleine, einfache Geschenke, wie kleine selbstgemachte Gebäcktüten oder Zitat-Kärtchen das gibt dem Schenkenden wie auch dem Beschenkten neuen Schwung– und es sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Nicht selten bereitet man sie gemeinsam mit anderen vor um es nicht nur an seine Freunde zu verteilen, sondern allen Menschen, die unsere Wege kreuzen eine Freude zu bereiten. Eine gute Zeit durch selbstlose Gesten die Menschen zu erreichen, an denen wir sonst acht- und grußlos vorüber eilen.

Gerade in einer zunehmend säkularen Gesellschaft ist es wichtig, dass Menschen mit verschiedenen religiösen und weltanschaulichen Identitäten zusammenkommen, um gemeinsam ihr Bedürfnis nach Spiritualität der breiten Öffentlichkeit nahezubringen.

+2:0 #26

2. KAPITEL
BAB: »DAS TOR«

»Wahrlich, der Unterdrücker hat den Geliebten der Welten erschlagen, damit er dadurch das Licht Gottes auslösche unter Seinen Geschöpfen und die Menschen von dem Strom des himmlischen Lebens abhalte in den Tagen Seines Herrn, des Gnadenvollen, des Freigebigen.« (BAHÁ’U’LLÁH, Lawh-i-Ra’is)

+2:1 #26 Geburtsort der neuen Offenbarung

Persien, das Geburtsland der Bahá’í-Offenbarung, nimmt einen einzigartigen Platz in der Weltgeschichte ein. In den Tagen einstiger Größe war dieses Land wahrhaft königlich unter den Nationen, unerreicht an Zivilisation, Macht und Glanz. Es schenkte der Welt große Könige und Staatsmänner, Propheten und Dichter, Philosophen und Künstler. Zarathustra, Kyros und Dareios, Háfiz und Firdawsí, Sa’dí und ‚Umar Khayyám sind nur einige seiner vielen berühmten Söhne. Seine Handwerksleute waren unübertroffen an Geschicklichkeit; seine Teppiche waren unvergleichlich, seine Stahlklingen unerreicht, sein Steingut weltbekannt. In allen Teilen des nahen und mittleren Ostens hat Persien Spuren früherer Größe hinterlassen.

Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert aber sank Persien auf eine Stufe beklagenswerter Erniedrigung. Sein geistiger Ruhm schien unwiederbringlich verloren. Die Regierung war bestechlich und in verzweifelten Geldnöten, manche Herrscher waren Schwächlinge und andere Ungeheuer an Grausamkeit. Die Priester waren bigott und unduldsam, das Volk unwissend und abergläubisch. Der größte Teil der Bevölkerung gehörte dem shi’itischen Zweig¹ des Islám an, aber es gab auch eine beachtenswerte Anzahl von Zarathustriern, Juden und Christen, von Anhängern verschiedener und einander feindlicher Glaubensrichtungen. Alle bekannten sich dazu, erhabenen Lehrern nachzufolgen, die sie ermahnten, den einen Gott anzubeten und in Liebe und Eintracht zu leben; allein sie mieden, verabscheuten und verachteten einander, da jede Glaubensrichtung die anderen als unrein, als Hunde oder Heiden ansah. Das Fluchen und Verwünschen war in einem fürchterlichen Maße eingerissen. Es war für einen Juden oder einen Zarathustrier gefährlich, an einem regnerischen Tage auf die Straße zu gehen; denn wenn sein nasses Gewand einen Muhammadaner berührte, war dieser verunreinigt und der andere konnte mit seinem Leben für diese Beleidigung zu büßen haben. Wenn ein Muhammadaner von einem Juden, Zarathustrier oder Christen Geld annahm, mußte er es waschen, bevor er es einstecken durfte. Wenn ein Jude sein Kind einem armen muhammadanischen Bettler ein Glas Wasser reichen sah, so schlug er das Glas dem Kind aus der Hand, denn Flüche statt Freundlichkeit sollten den Ungläubigen zuteil werden. Die Muhammadaner selbst zerfielen in unzählige Sekten, deren Streit untereinander oft wild und erbittert war. Die Zarathustrier mischten sich nicht viel in diese gegenseitigen Beschuldigungen, lebten in ihren Gemeinschaften für sich und lehnten es ab, sich zu ihren Landsleuten andern Glaubens zu gesellen.

¹ Eine der beiden großen Parteien – Schiiten und Sunniten – in die der Islám schon bald nach dem Tode Muhammads zerfiel. Die Schiiten behaupten, daß ‚Alí, der Schwiegersohn Muhammads der erste rechtmäßige Nachfolger des Propheten sei und daß nur seine Nachkommen die rechtmäßigen Kalifen seien.

Soziale wie religiöse Angelegenheiten befanden sich in einem Zustand hoffnungslosen Zerfalls. Die Erziehung wurde vernachlässigt. Abendländische Wissenschaft und Kunst wurden als unrein und der Religion widersprechend betrachtet. Gerechtigkeit war nirgends zu finden. Plünderung und Raub, waren alltägliche Ereignisse. Die Straßen waren schlecht und unsicher zu bereisen. Sanitäre Einrichtungen waren unglaublich mangelhaft.

Und doch war, trotz allem, das Licht des geistigen Lebens in Persien nicht erloschen. Da und dort, inmitten der herrschenden Weltlichkeit und des Aberglaubens, konnte man noch manche heilige Seele finden, und in manchem Herzen wurde die Sehnsucht nach Gott gepflegt wie einst in den Herzen von Hanna und Simeon vor dem Auftreten Jesu. Viele warteten sehnsüchtig auf das Kommen eines verheißenen Gottgesandten und glaubten bestimmt, daß die Zeit seiner Ankunft nahe bevorstehe. So standen die Dinge in Persien, als der Báb, der Herold eines neuen Zeitalters, das ganze Land mit Seiner Botschaft in Aufruhr versetzte.

+2:2 #28 Jugendzeit

Mírzá ‚Alí Muhammad, der sich später den Titel Báb (d.h. das Tor) beilegte, wurde in Shíráz, im Süden Persiens, am 20. Oktober 1819 geboren¹. Er war ein Siyyid, d.h. ein Nachkomme des Offenbarers Muhammad. Sein Vater, ein bekannter Kaufmann, starb bald nach Seiner Geburt, worauf Er in die Obhut eines Onkels mütterlicherseits, eines Kaufmanns in Shíráz, kam, der Ihn aufzog. Er lernte in Seiner Kindheit lesen und erhielt die erste Erziehung, so wie sie damals für Kinder üblich war.²

Im Alter von fünfzehn Jahren wandte Er sich den Geschäften zu, zuerst mit Seinem Pflegevater und später mit einem andern Onkel, der in Búshihr am Persischen Golf lebte.

Als Jüngling war Er durch Seine erhabene persönliche Schönheit und durch Sein liebenswürdiges Wesen bekannt, wie auch durch Seine außergewöhnliche Frömmigkeit und die Vornehmheit Seines Charakters. Er war untadelig in der Einhaltung des Gebets, des Fastens und anderer Gebote der muhammadanischen Religion, und Er hielt sich nicht nur an den Buchstaben, sondern lebte auch im Geiste der Lehren des Offenbarers. Er heiratete im Alter von etwa zweiundzwanzig Jahren. Dieser Ehe entstammte ein Sohn, der aber im Kindesalter starb, und zwar im ersten Jahr des öffentlichen Wirkens des Báb.

¹ Erster Tag des Muharram des Jahres 1235 d.H. Der muhammadanische Kalender beginnt im Jahre der Hedschra, d.h. der Flucht Muhammads von Mekka nach Medina im Jahre 622 nach Christus.

² Hierüber bemerkt ein persischer Gelehrter: »Die Ansicht vieler Leute im Osten, besonders derjenigen, die an den Báb glaubten, ging dahin, daß der Báb keine Erziehung genoß, daß aber die Mullas, um ihn in den Augen des Volkes zu erniedrigen, erklärten, daß eine Erkenntnis und Weisheit, wie Er sie besaß, der Erziehung zuzuschreiben sei, die Er erhalten habe. Nach gründlichem Forschen nach der Wahrheit hierüber haben wir Beweise gefunden, welche zeigen, daß Er in Seiner Kindheit kurze Zeit in das Haus von Shaykh Muhammad (auch bekannt als ‚Ábid) zu gehen pflegte, wo Er persisch lesen und schreiben gelehrt wurde. Darauf bezog sich der Báb in Seinem Buch Baján, als Er schrieb: `O Muhammad, o Mein Lehrer!` Es ist aber doch außerordentlich bemerkenswert, daß dieser Shaykh, der Sein Lehrer war, ein ergebener Schüler seines eigenen Zöglings wurde, und daß auch der Onkel des Báb, namens Hájí Siyyid ‚Alí, der wie ein Vater zu ihm war, ein ergebener Gläubiger wurde und als Bábí den Märtyrertod starb. Das Verständnis dieser Geheimnisse wird den Suchern nach Wahrheit gegeben; wir aber wissen, daß die Erziehung, wie sie der Báb erhielt, nur eine ganz einfache war, und daß alle Zeichen von ungewöhnlicher Größe und Erkenntnis Ihm angeboren und von Gott waren.«

+2:3 #29 Erklärung

Als der Báb das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht hatte, erklärte Er auf göttlichen Befehl, daß »Gott, der Erhabene, Ihn auserwählt habe für die Stufe des Vorläufers«. In `A Traveller’s Narrative` S.3 lesen wir folgendes:

»Was Er mit dem Ausdruck `Báb` sagen wollte, war: daß Er der Weg der Gnade für eine große Persönlichkeit sei, die sich noch unter dem Schleier der Herrlichkeit verbürge, die im Besitz zahlloser und unbeschränkter Vollkommenheiten sei, von deren Willen Er getrieben werde, und an deren Band der Liebe Er sich klammere.«¹

In jenen Tagen war der Glaube an das bevorstehende Kommen eines Gottgesandten besonders stark bei einer Sekte, bekannt als Shaykhí, und es war ein hervorragender Geistlicher dieser Sekte namens Mullá Husayn Bushrú’í, dem der Báb als erstem Seine Sendung kundgab. Das genaue Datum dieser Verkündigung ist im Bayán, einer der Schriften des Báb, angegeben auf 2 Stunden 11 Minuten nach Sonnenuntergang am Vorabend des 5. Tages des Monats Jamádíyu’l-Avval, 1260 d.H. (23.Mai 1844). ‚Abdu’l-Bahá wurde im Laufe der gleichen Nacht geboren, die genaue Stunde Seiner Geburt wurde jedoch nicht festgehalten.

Nach mehreren Tagen sorgfältigen Forschens und Studierens war Mullá Husayn fest davon überzeugt, daß der von den Schí’iten lange erwartete Bote tatsächlich gekommen sei. Seine hohe Begeisterung über diese Entdeckung wurde bald von verschiedenen seiner Freunde geteilt. Es dauerte nicht lange, bis die Mehrzahl der Shaykhí den Báb anerkannte und damit als Bábí bekannt wurde; und bald begann der Ruf des jungen Offenbarers, einem Lauffeuer gleich, sich über das Land auszubreiten.

¹ A Traveller’s Narrative Written to illustrate the Episode of the Báb, mit einer Einleitung von E.G. Browne, Cambridge 1891. Auf dieses Buch wird im folgenden unter `A Traveller’s Narrative` Bezug genommen.

+2:4 #30 Ausbreitung des Bábí-Glaubens

Die ersten 18 Jünger des Báb (mit Ihm selbst als dem Neunzehnten) wurden bekannt als die »Buchstaben des Lebendigen«. Diese Jünger sandte Er nach verschiedenen Teilen von Persien und Turkestan, um die Nachricht Seines Kommens zu verbreiten. Er selbst unternahm mittlerweile eine Pilgerreise nach Mekka, wo Er im Dezember 1844 anlangte. Dort erklärte Er offen Seine Sendung. Bei Seiner Rückkehr nach Búshihr entstand eine große Aufregung ob der Verkündigung Seiner Vorläuferschaft. Das Feuer Seiner Beredsamkeit, das Wunder Seiner rasch verfaßten und inspirierten Schriften, Seine außerordentliche Weisheit und Erkenntnis, Sein Mut und Eifer als Umgestalter entfachten die größte Begeisterung bei Seinen Anhängern, entflammten aber in gleichem Maße einen Ansturm der Feindseligkeit bei den strenggläubigen Moslems. Die shí’itischen Gelehrten klagten Ihn heftig an und überredeten den Statthalter von Fárs, mit Namen Husain Khán, einen fanatischen und tyrannischen Herrscher, die neue Ketzerei zu unterdrücken. Nun begannen für den Báb in langer Reihe Einkerkerung, Deportation, Verhöre vor Gerichtshöfen, Plagen und Unwürdigkeiten, die erst mit Seinem Märtyrertod im Jahre 1850 endeten.

+2:5 #31 Die Ansprüche des Báb

Die Feindseligkeit, die sich beim Anspruch auf die Vorläuferschaft erhob, verdoppelte sich, als der junge Erneuerer erklärte, daß Er der Mihdí (Mahdi) selbst sei, dessen Kommen Muhammad vorhergesagt hatte. Die Shí’iten setzten diesen Mihdí dem zwölften Imám¹ gleich, der, ihrem Glauben entsprechend, vor tausend Jahren in geheimnisvoller Weise aus den Augen der Menschen verschwand. Sie glaubten, daß er noch am Leben sei und in seinem früheren Körper wieder erscheinen werde. Sie legten die Prophezeiung über seine Herrschaft, seine Herrlichkeit, seine Eroberungen und die »Zeichen« seines Kommens in einem äußerlichen Sinne aus, wie sich die Juden zur Zeit Christi ähnliche auf den Messias beziehende Prophezeiungen auslegten. Sie erwarteten, daß er erscheinen werde mit irdischer Herrschaft und einem zahllosen Heere und seine Offenbarung verkünden werde, daß er die toten Leiber zur Auferstehung rufen und sie zu neuem Leben erwecken werde und so fort. Da alle diese Zeichen nicht eintrafen, verwarfen die Shí’iten den Báb mit demselben grimmigen Spott, den die Juden Jesus widerfahren ließen. Die Bábí dagegen legten viele der Prophezeiungen bildlich aus. Sie sahen die Herrschaft des Verheißenen, gleich der des galiläischen »Mannes des Kummers«, für eine mystische Herrschaft an; Seine Herrlichkeit für eine geistige, nicht irdische, Seine Eroberungen für solche über die Städte der Herzen der Menschen; und sie fanden genügend Beweise für den Anspruch des Báb in Seinem wundervollen Leben und in Seinen Lehren, in Seinem unerschütterlichen Glauben, Seiner unüberwindlichen Standhaftigkeit und Seiner Macht, die zu neuem geistigen Leben zu rufen, welche in den Gräbern des Irrtums und der Unwissenheit befangen waren.

Aber der Báb blieb nicht bei dem Anspruch stehen, der Mihdí zu sein. Er legte sich den geheiligten Titel des »Nuqtiy-i-Úlá« oder des »Ersten Punktes« bei. Dies war ein Titel, der Muhammad von Seinen Nachfolgern beigelegt wurde. Sogar die Imáme waren in ihrer Bedeutung dem »Punkt« untergeordnet, von dem sie ihre Inspiration und ihre Autorität ableiteten. Durch die Annahme dieses Titels beanspruchte der Báb eine Stellung für Sich, wie die Muhammads in der Reihe der großen Religionsstifter, und deshalb war Er in den Augen der Shí’iten ein Betrüger, ebenso wie Moses und Jesus vor Ihm als Betrüger angesehen worden waren. Er führte sogar einen neuen Kalender ein, der das Sonnenjahr wiederherstellt und der das neue Zeitalter mit dem Jahr Seiner eigenen Erklärung beginnen läßt.

¹ Der Imám der Shí’iten ist der von Gott verordnete Nachfolger des Propheten, dem alle Gläubigen gehorchen müssen. Elf Personen nacheinander versahen das Amt des Imám; der erste war ‚Alí, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten. Die Mehrheit der Shí’iten glaubt, daß der zwölfte Imám, Imám Mihdí genannt, im Jahr 329 d.H. als Kind verschwand und sich in der Erde verborgen halte, und daß er nach der erfüllten Zeit wieder hervortreten, die Ungläubigen stürzen und ein Zeitalter des Segens aufrichten werde.

+2:6 #32 Die Verfolgung wächst

Infolge dieser Erklärungen des Báb und der beunruhigenden Schnelligkeit, mit der Menschen aus allen Klassen, Reiche und Arme, Gelehrte und Unwissende, sich eifrig Seiner Lehre zuwandten, wurden die Bestrebungen, sie zu unterdrücken, immer grausamer und entschiedener. Häuser wurden geplündert und zerstört. Frauen wurden festgenommen und verschleppt. In Tihrán, Fárs, Mázindarán und anderen Plätzen wurde eine große Menge der Gläubigen getötet. Viele wurden enthauptet, gehängt, vor die Mündung der Geschütze gebunden, verbrannt oder zerstückelt. Trotz aller Unterdrückungsversuche ging die Bewegung ihren Weg. Gerade durch diese Unterdrückung wuchs vielmehr die Gewißheit bei den Gläubigen, denn dadurch erfüllten sich wörtlich viele der Prophezeiungen über das Kommen des Mihdí. So lesen wir in einer von Jábir stammenden Überlieferung, die von den Shí’iten für echt gehalten wird:

»In Ihm wird sein die Vollkommenheit von Moses, die Köstlichkeit von Jesus und die Geduld von Hiob; seine Heiligen werden zu seiner Zeit gedemütigt und ihre Häupter werden als Geschenke ausgetauscht werden, wie die Köpfe der Türken und der Deylamiten gegenwärtig als Geschenke ausgetauscht werden; sie werden erschlagen und verbrannt werden und werden in Furcht und Angst sein und beben vor Schreien; die Erde wird mit ihrem Blut getränkt werden und Wehgeschrei wird herrschen unter ihren Frauen; dies sind in der Tat meine Heiligen.«

(New History of the Báb, übersetzt von Prof. E.G. Browne, S.132)

+2:7 #33 Das Märtyrertum des Báb

Am 9. Juli 1850 (FR 28.Sha’bán 1266 d.H.), in Seinem einunddreißigsten Lebensjahre, fiel der Báb selbst der fanatischen Wut seiner Verfolger zum Opfer. Mit einem ergebenen jungen Anhänger namens Áqá Muhammad ‚Alí, der leidenschaftlich darum gebeten hatte, Sein Märtyrertum teilen zu dürfen, wurde Er in Tabríz auf den alten Kasernenhof geführt. Etwa zwei Stunden vor Mittag wurden die beiden mit Stricken unter den Armen derart aufgehängt, daß das Haupt von Muhammad ‚Alí an der Brust seines geliebten Meisters ruhte. Eine Abteilung armenischer Soldaten zog auf und erhielt den Befehl zu feuern. Alsbald krachte die Salve, aber als der Rauch sich verzog, fand man den Báb und Seinen Gefährten noch am Leben. Die Kugeln hatten nur die Seile zerrissen, an denen sie aufgehängt waren, so daß sie unverletzt zu Boden fielen. Der Báb begab sich in einen Raum in der Nähe, wo man Ihn im Gespräch mit einem Seiner Freunde fand. Um die Mittagszeit wurden sie abermals aufgehängt. Die Armenier, welche die Wirkung ihrer Salve als Wunder ansahen, weigerten sich, nochmals zu feuern, so daß ein anderes Regiment Soldaten antreten mußte, das dem Befehl zum Feuern Folge leistete. Diesmal hatte die Salve den gewünschten Erfolg. Die Körper der beiden Opfer wurden von Kugeln durchbohrt und schrecklich zugerichtet, ihre Gesichter aber blieben fast unberührt.

Durch diese ruchlose Tat wurde der Kasernenhof in Tabríz ein zweites Golgatha. Die Feinde des Báb erfreuten sich eines frevelhaften Triumphes und dachten, daß dieser verhaßte Baum des Bábí-Glaubens an der Wurzel getroffen sei und seine völlige Ausrottung nun leicht sein werde. Aber ihr Triumph war von kurzer Dauer. Sie dachten nicht daran, daß der Baum der Wahrheit von keiner irdischen Axt gefällt werden kann. Mußten sie doch erkennen, daß ihr großes Verbrechen nur dazu führte, der Sache noch größere Kraft zu verleihen. Der Märtyrertod des Báb erfüllte Seinen zärtlich gehegten Wunsch und entflammte Seine Anhänger zu wachsendem Eifer. So groß war das Feuer ihrer geistigen Verzückung, daß die schlimmen Stürme der Verfolgung es nur zu helleren Flammen anfachten. Je größer die Anstrengungen, es auszulöschen, desto höher schlugen die Flammen empor.

+2:8 #34 Das Grab am Berge Karmel

Nach dem Märtyrertod des Báb wurde Seine irdische Hülle mit der Seines ergebenen Gefährten zusammen an den Rand des Festungsgrabens außerhalb der Stadtmauer geworfen. In der übernächsten Nacht wurden sie von einigen Bábí um Mitternacht geborgen, und nachdem sie jahrelang an geheimen Orten in Persien verborgen gehalten worden waren, wurden sie schließlich unter großer Gefahr und Schwierigkeit in das Heilige Land verbracht. Hier ruhen sie nun in einem wundervoll gelegenen Grab am Abhang des Berges Karmel, nicht weit von der Höhle des Elias und nur wenige Meilen von der Stelle, wo Bahá’u’lláh Seine letzten Jahre zubrachte und wo Seine Gebeine nun ruhen. Unter den Tausenden von Pilgern, die aus allen Teilen der Welt kommen, um dem heiligen Grab von Bahá’u’lláh ihre Ehrerbietung zu bezeugen, versäumt es keiner, auch am Schrein Seines in Liebe ergebenen Vorläufers, des Báb, zu beten.

+2:9 #34 Die Schriften des Báb

Die Schriften des Báb sind umfangreich, und die Schnelligkeit, mit der Er, ohne Studium oder vorherige Überlegung, sorgfältig ausgearbeitete Kommentare, tiefgründige Abhandlungen und ausdrucksvolle Gebete verfaßte, wurde als einer der Beweise für Seine göttliche Inspiration betrachtet.

Der Inhalt Seiner verschiedenen Schriften ist wie folgt zusammengefaßt worden: »Einige von ihnen (des Bábs Schriften) waren Kommentare und Auslegungen von Versen des Qur’án; andere waren Gebete, Betrachtungen und Hinweise auf (die wahre Bedeutung gewisser) Stellen; wieder andere waren Aufrufe, Ermahnungen, Abhandlungen über die verschiedenen Zweige der Lehre von der göttlichen Einheit … Ansporn zur Besserung des Charakters, zur Abkehr vom Weltläufigen und zur Hingabe an die Eingebungen Gottes. Aber das Wesen und der Sinn Seiner Werke waren Lobpreisungen und Beschreibungen jener Wirklichkeit, die bald erscheinen sollte, und der all Sein Sinnen und Trachten, Seine Liebe und Seine Sehnsucht gehörten. Denn Er betrachtete Sein eigenes Kommen als das eines Vorläufers froher Botschaften und hielt Seine eigene wirkliche Natur nur für ein Werkzeug der Manifestation von größeren Vollkommenheiten jenes Einen. Und in der Tat ließ Er nicht nur keinen Augenblick ab, Ihn Tag und Nacht zu verherrlichen, sondern pflegte allen Seinen Anhängern zu bedeuten, sie müßten auf Sein Kommen warten, ja Er ging darin so weit, daß Er in Seinen Schriften erklärte:

»Ich bin ein Buchstabe aus diesem höchst mächtigen Buche und ein Tautropfen aus diesem unermeßlichen Meere; wenn Er erscheinen wird, werden Meine wahre Natur, Meine Geheimnisse, Meine Rätsel und Meine Andeutungen offenbar werden, und der Keim dieser Religion wird sich entwickeln durch die Grade Seines Wesens und Aufstiegs hindurch zu der Stufe `der schönsten Gestalt` und geschmückt werden mit dem Gewand von `Gepriesen sei Gott, der Beste, der Schöpfer!` … So begeistert war Er durch Sein Feuer, daß die Erwähnung von Ihm das helle Licht in den dunklen Nächten in der Festung Máh-Kú und das Gedenken an Ihn Sein bester Begleiter in der Not des Gefängnisses von Chihríq war. Er empfing dadurch geistiges Wachstum, an Seinem Wein berauschte Er sich, und im Gedenken an Ihn erfreute Er sich.«¹

¹ A Traveller’s Narrative, p.54

+2:10 #35 Er, Den Gott offenbaren wird

Der Báb ist mit Johannes dem Täufer verglichen worden, aber die Stufe des Báb ist nicht nur die des Heroldes oder Vorläufers. Der Báb war eine Manifestation Gottes, der Begründer einer unabhängigen Religion, obgleich diese Religion zeitlich auf einen kurzen Abschnitt von Jahren beschränkt war. Die Bahá’í glauben, daß der Báb und Bahá’u’lláh gemeinsame Begründer ihres Glaubens waren, und die folgenden Worte von Bahá’u’lláh bezeugen diese Wahrheit:

»Daß eine so kurze Spanne Zeit diese höchst mächtige und wunderbare Offenbarung von Meiner eigenen vorbestimmten Manifestation getrennt hat, ist ein Geheimnis, das kein Mensch enträtseln, und ein Mysterium, wie es kein Geist ergründen kann. Ihre Dauer war vorbestimmt, und kein Mensch wird je ihren Grund entdecken, wenn nicht und ehe nicht er über den Inhalt Meines verborgenen Buches unterrichtet ist.«¹

In Seinen Hinweisen auf Bahá’u’lláh jedoch offenbarte der Báb äußerste Selbstlosigkeit, indem Er über den Tag »Dessen, Den Gott offenbaren soll«, erklärte:

»Wenn jemand auch nur einen einzigen Vers von Ihm hören und diesen nachsagen würde, so ist dies besser, als wenn er den Bayán tausendmal hersagen würde.«²

Er schätzte sich glücklich im Erdulden jeder Trübsal, wenn Er dabei auch nur in geringem Maß den Pfad ebnen durfte »für Den, Welchen Gott offenbaren wird«, welcher – wie Er erklärte – die einzige Quelle Seiner Eingebung wie das einzige Ziel Seiner Liebe sei.

¹ s.a. Hüter, WOB S.183

² Der Bayán ist das `Mutterbuch` des Báb. Das Zitat ist aus `A Traveller’s Narrative` S.349 und findet sich auch beim Hüter, WOB S.152

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Quelle:    BAHÁ’U’LLÁH UND DAS NEUE ZEITALTER 

Autor J. E. Esslemont und Shogi Effendi in London

J. E. ESSLEMONT             BAHÁ’Í-VERLAG

Titel des englischen Originals: Bahá’u’lláh and the New Era, by Dr. John Ebenezer Esslemont, London 1923. Third Revised Edition, Wilmette Ill. (U.S.A.) 1970, Copyright by The National Spiritual Assembly of the Bahá’ís of the United States of America.

Deutsch nach der dritten revidierten englischen Ausgabe von 1970 überarbeitete 8.Auflage 1986

ISBN 3 87037 184 6

(c) Bahá’í-Verlag GmbH D-6238 Hofheim-Langenhain

BAHÁ’U’LLÁH: DIE HERRLICHKEIT GOTTES

»O du, der du wartest, harre nicht länger, denn Er ist gekommen. Blicke auf Seinen heiligen Tempel und Seine Herrlichkeit, die darin wohnt. Es ist die altehrwürdige Herrlichkeit in einer neuen Manifestation.« (BAHÁ’U’LLÁH)

+3:1 #39 Geburt und Jugend

Mírzá Husayn ‚Alí, der später den Titel Bahá’u’lláh (d.h. Herrlichkeit Gottes) annahm, war der älteste Sohn des Mírzá ‚Abbás von Nur, eines Wesirs oder Staatsministers. Seine Familie war reich und hoch angesehen, viele ihrer Mitglieder hatten wichtige Stellungen in der Regierung und in den Zivil- und Militärdiensten Persiens inne. Er wurde in Tihrán, der Hauptstadt Persiens zwischen Morgendämmerung und Sonnenaufgang am 12. November 1817 (2. Muharram 1233 d.H.) geboren. Er besuchte niemals eine Schule oder eine Hochschule, und der etwa in Frage kommende wenige Unterricht, den Er erhielt, wurde Ihm zu Hause erteilt. Trotzdem wurde schon als Kind eine wundervolle Weisheit und Erkenntnis an Ihm wahrgenommen. Als Er noch ein Jüngling war, starb Sein Vater und hinterließ Ihm die Verantwortung und Sorge für Seine jüngeren Brüder und Schwestern und für die Verwaltung der ausgedehnten Besitztümer der Familie.

Bei Gelegenheit teilte ‚Abdu’l-Bahá, der älteste Sohn von Bahá’u’lláh, dem Verfasser dieses Buches folgende Einzelheiten über seines Vaters Jugendzeit mit:

»Von Kindheit an war Er außerordentlich gütig und edel. Er zeigte große Vorliebe für das Laben im Freien und brachte Seine meiste Zeit im Garten oder auf den Feldern zu. Er besaß eine außergewöhnliche Anziehungskraft, die jedermann fühlte. Es scharten sich die Menschen immer um Ihn. Minister und Hofleute suchten Seine Nähe und auch die Kinder waren ihm ergeben. Schon mit dreizehn oder vierzehn Jahren wurde Er wegen Seines Wissens bekannt. Er konnte sich über jeden Gegenstand unterhalten und jedes Ihm vorgelegte Problem lösen. In großen Versammlungen konnte Er Dinge mit den ‚Ulamás¹ erörtern und konnte verwickelte religiöse Fragen klarlegen. Alle pflegten Ihm mit der größten Anteilnahme zuzuhören. «

»Als Bahá’u’lláh zweiundzwanzig Jahre alt war, starb Sein Vater, und die Regierung wünschte, daß Er in Seines Vaters Stellung im Ministerium einrücke, wie es in Persien üblich war. Aber Bahá’u’lláh schlug das Angebot aus. Da sagte der erste Minister: `Überlaßt Ihn Sich selbst. Eine solche Stellung ist Seiner unwürdig. Er hat höhere Ziele vor Sich. Ich kann Ihn nicht verstehen, aber ich bin überzeugt, daß Er für eine erhabene Laufbahn bestimmt ist. Seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Überlaßt Ihn Sich selbst!`«²

¹ führende Geistliche ² Abdu’l-Bahá an Dr.Esslemont

+3:2 #40 Als Bábí eingekerkert

Als der Báb im Jahr 1844 Seine Mission erklärte, nahm sich Bahá’u’lláh, damals siebenundzwanzig Jahre alt, mutig der Sache des neuen Glaubens an und wurde bald als einer seiner mächtigsten und furchtlosesten Vertreter bekannt.

Er hatte schon zweimal Einkerkerung für die Sache erduldet und einmal sogar die Qual der Bastonade über Sich ergehen lassen müssen, als im August 1852 ein Ereignis eintrat, das schreckliche Folgen für die Bábí mit sich brachte. Einer der Anhänger des Báb, ein Jüngling namens Sádiq, hatte sich den Märtyrertod seines geliebten Meisters, dessen Augenzeuge er war, so zu Herzen genommen, daß sein Geist sich verwirrte und er aus Rache dem Sháh auflauerte und eine Pistole auf ihn abfeuerte. Statt mit einer Kugel zu laden, hatte er leichten Schrot genommen, und obgleich ein paar Körner davon den Sháh trafen, ergab sich kein ernsthafter Schaden. Der junge Mensch warf dadurch den Sháh von seinem Pferd, wurde aber sofort von der Gefolgschaft Seiner Majestät ergriffen und auf der Stelle getötet. Die Gesamtheit der Bábí wurde ungerechterweise für die Tat verantwortlich gemacht und schreckliche Metzeleien folgten daraufhin. Achtzig Bábí wurden sofort in Tihrán unter den empörendsten Martern getötet. Viele andere wurden ergriffen und in die Gefängnisse geworfen, unter ihnen Bahá’u’lláh. Er schrieb später hierüber (Wolf S.33f):

»Wir standen in keinerlei Beziehung zu dieser Missetat, und Unsere Unschuld wurde von den Gerichten einwandfrei festgestellt. Dennoch ergriff man Uns und führte Uns von Níyávarán, dem damaligen Wohnsitz Seiner Majestät, zu Fuß und in Ketten, barhäuptig und mit bloßen Füßen, in den Kerker von Tihrán. Ein roher Kerl, der neben Uns herritt, riß Uns den Hut vom Haupte, während Wir von einem Trupp Henkersknechte und Amtspersonen dahingetrieben wurden. Vier Monate lang mußten Wir in einem unbeschreiblich schmutzigen Loch verbringen. Eine enge, finstere Grube wäre dem Kerker vorzuziehen, in den dieser Unterdrückte und andere ähnlich Mißhandelte gesperrt wurden. Bei Unserer Einlieferung wurden Wir zuerst einen pechschwarzen Gang entlanggeführt, von dort stiegen Wir drei steile Treppen zu dem Verließ hinab, das Uns bestimmt war. Dieser Kerker war in dichtes Dunkel gehüllt; Unsere Mitgefangenen zählten nahezu einhundertfünfzig Menschen: Diebe, Mörder und Straßenräuber. Trotz seiner Überfüllung hatte das Verließ keinen anderen Auslaß als den Gang, durch den Wir gekommen waren. Keine Feder kann diesen Ort beschreiben, keine Zunge seinen widerlichen Gestank schildern. Die meisten dieser Menschen hatten weder Kleider noch Stroh, darauf zu liegen. Nur Gott weiß, was Wir in diesem übelriechenden, finsteren Raum zu leiden hatten!«

»Während Wir in diesem Kerker lagen, dachten Wir Tag und Nacht über die Taten, die Geisteshaltung und die Lebensführung der Bábí nach. Wir fragten Uns, was so hochgesinnte, edle und verständige Leute zu solch einem vermessenen, abscheulichen Anschlag gegen das Leben Seiner Majestät veranlaßt haben könnte. Hierauf beschloß dieser Unterdrückte, sich nach Seiner Entlassung aus dem Gefängnis aufzumachen und alle Kraft an die Aufgabe der geistigen Neubelebung dieser Menschen zu wenden.«

»Eines Nachts im Traum waren von allen Seiten diese erhabenen Worte zu hören: `Wahrlich, Wir werden Dich durch Dich selbst und durch Deine Feder siegreich machen. Sei nicht traurig über das, was Dir widerfahren ist, und fürchte Dich nicht, denn Du bist in Sicherheit. Binnen kurzem wird Gott die Schätze der Erde offenkundig machen – Menschen, die Dir beistehen werden durch Dich selbst und durch Deinen Namen, durch welchen Gott die Herzen derer belebt, die Ihn erkannt haben`.«¹

¹ Bahá’u’lláh, Brief an den Sohn der Wolfes, S.33f

+3:3 #42 Nach Bagdád verbannt

Diese schreckliche Einkerkerung dauerte vier Monate. Aber Bahá’u’lláh und Seine Gefährten blieben voll Eifer und Begeisterung in größtem Glück. Beinahe jeden Tag wurden einer oder mehrere der Ihren gefoltert oder hingerichtet, und die andern hielten sich vor Augen, daß die Reihe als nächste an sie kommen werde. Wenn die Henkersknechte kamen, um einen der Freunde zu holen, sprang der, dessen Name aufgerufen wurde, buchstäblich vor Freude auf, küßte die Hände von Bahá’u’lláh, umarmte die übrigen seiner Mitgläubigen und eilte dann in froher Erwartung zum Orte des Märtyrertums.

Es wurde einwandfrei bewiesen, daß Bahá’u’lláh keinen Anteil hatte an dem Anschlag gegen den Sháh, und der russische Gesandte bürgte für die Reinheit Seines Charakters. Er war zudem so krank, daß man glaubte, Er würde sterben. Anstatt Ihn zum Tode zu verurteilen, ordnete der Sháh daher an, daß Er nach dem ‚Iráq-i-‚Arab in Mesopotamien in die Verbannung gehen solle. Und 14 Tage später reiste Bahá’u’lláh, begleitet von Seiner Familie und einer Reihe von anderen Gläubigen, auch wirklich dahin ab. Sie litten schrecklich unter der Kälte und anderen Beschwerden auf der langen Winterreise und kamen in Baghdád in einem Zustand äußerster Erschöpfung an. Sobald Seine Gesundheit es erlaubte, begann Bahá’u’lláh, Fragestellern Rede und Antwort zu stehen und die Gläubigen aufzurichten und zu ermuntern, und bald herrschte Friede und Glück unter den Bábí¹. Leider war dies nur von kurzer Dauer. Der Halbbruder von Bahá’u’lláh, Mírzá Yahyá, auch bekannt unter dem Namen Subh-i-Azal, kam gleichfalls nach Baghdád, und bald darauf begannen, von ihm im geheimen angefacht, Zwistigkeiten aufzutreten, ähnlich den Spaltungen, wie sie auch unter den Jüngern Christi aufgetreten waren. Diese Uneinigkeiten, die später in Adrianopel offen und heftig zutage traten, waren sehr schmerzlich für Bahá’u’lláh, dessen einziger Lebenszweck die Förderung der Einheit unter den Völkern der Erde war.

¹ Dies war Anfang 1853, oder 9 Jahre nach des Báb Erklärung, wodurch gewisse Prophezeiungen des Báb bezüglich des »Jahres 9« in Erfüllung gingen.

+3:4 #43 Zwei Jahre in der Wildnis

Etwa ein Jahr nach dem Eintreffen in Baghdád begab sich Bahá’u’lláh allein in die Wildnis von Sulaymáníyyih, wobei Er nichts mit sich nahm als einige Kleider zum Wechseln. Über diese Periode schreibt Er in Seinem Buch Iqán wie folgt:

»Als Wir in den ersten Tagen Unserer Ankunft in diesem Lande die Zeichen kommender Dinge erkannten, beschlossen Wir, Uns zurückzuziehen, ehe sie geschehen würden. Wir begaben Uns in die Wildnis und führten dort abgeschlossen und allein zwei Jahre lang ein Leben in völliger Einsamkeit. Aus Unseren Augen rannen Tränen der Qual, und in Unserem blutenden Herzen wogte ein Meer von Marter und Pein. Wie oft hatten Wir abends nichts zu essen, und wie viele Tage fand Unser Körper keine Ruhe. Bei Ihm, der Mein Dasein in den Händen hält! Ungeachtet dieser Regenschauer von Leiden und dauernder Trübsal ward Unsere Seele von wonnevoller Freude erfaßt, und Unser ganzes Wesen strahlte unaussprechliche Fröhlichkeit aus. Denn in Unserer Einsamkeit waren Uns Schaden oder Nutzen, Heil oder Leid irgendeiner Seele nicht bewußt. Einsam verkehrten Wir mit Unserem Geist und vergaßen die Welt und alles, was darinnen ist. Wir wußten jedoch nicht, daß das Fangseil der göttlichen Vorsehung die sterblichen Vorstellungen weit übertrifft, und daß der Pfeil Seines Ratschlusses über die kühnsten menschlichen Pläne hinausreicht. Kein Haupt kann Seinen Schlingen entrinnen und keine Seele kann Erlösung finden außer durch Unterwerfung unter Seinen Willen. Bei der Gerechtigkeit Gottes! In Unserer Zurückgezogenheit dachten Wir an keine Rückkehr, und Unsere Trennung hoffte auf keine Wiedervereinigung. Der einzige Zweck Unserer Abgeschiedenheit war, nicht zum Gegenstand der Zwietracht unter den Gläubigen zu werden, noch zur Quelle der Empörung für die Gefährten oder zum Mittel der Kränkung irgendeiner Seele oder zur Ursache des Kummers irgendeines Herzens. Über dies hinaus hegten Wir keine Absicht, und außer diesem hatten Wir kein Ziel im Auge. Jedoch ein jeder Mensch machte Pläne nach seinem Wunsch und folgte seinen eigenen eitlen Einbildungen bis zu der Stunde, da aus der mystischen Quelle der Ruf an Uns erging, der Uns die Rückkehr befahl, dorthin, woher Wir gekommen waren. Wir ergaben Unseren Willen dem Seinigen und unterwarfen Uns Seinem Geheiß.«

»Welche Feder kann die Dinge schildern, die Wir bei Unserer Rückkehr sahen! Zwei Jahre waren vergangen, in denen Unsere Feinde unaufhörlich und hartnäckig darauf sannen, Uns zu vernichten, wie alle bezeugen.«¹

¹ Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Iqán, S.164 f

+3:5 #44 Widerstand der Mullás¹

Nach der Rückkehr aus dieser Zurückgezogenheit wurde Sein Ansehen größer denn je, und die Menschen strömten nach Baghdád von nah und fern, um Ihn zu sehen und Seine Lehren zu hören. Juden, Christen, Zarathustrier und Muslims wurden von der neuen Botschaft angezogen. Die Mullás aber nahmen eine feindselige Haltung gegen Ihn ein und beratschlagten, wie sie Ihn unschädlich machen könnten. Bei einer bestimmten Gelegenheit sandten sie einen der Ihren, um mit Ihm zu reden und Ihm gewisse Fragen vorzulegen. Der Abgesandte fand die Antworten von Bahá’u’lláh so überzeugend und Seine Weisheit so erstaunlich, obgleich sie ganz offensichtlich nicht durch ein Studium erworben war, daß er sich gezwungen sah zu bekennen, daß an Weisheit und Einsicht Bahá’u’lláh unerreicht sei. Damit aber die Mullas, die ihn schickten, über die Wirklichkeit der Offenbarung von Bahá’u’lláh zufriedengestellt werden möchten, forderte er, daß Bahá’u’lláh als Beweis ein Wunder verrichten solle. Bahá’u’lláh drückte Seine Bereitwilligkeit aus, dem Verlangen unter gewissen Bedingungen zu entsprechen, und erklärte, wenn die Mullás sich darüber einigen, welches Wunder zu verrichten sei, und ein Dokument des Inhalts unterzeichnen und besiegeln würden, daß sie im Falle des Zustandekommens dieses Wunders die Echtheit Seiner Sendung bekennen und davon ablassen wollten, sich Ihm zu widersetzen, so sei Er bereit, den gewünschten Beweis zu liefern oder als überführter Betrüger dazustehen. Wäre es der Wille der Mullás gewesen, die Wahrheit zu erfahren, so hätte sich ihnen hier sicher die Gelegenheit dafür geboten; aber ihre Absicht ging auf etwas anderes hinaus. Zu Recht oder zu Unrecht, sie wollten sich eine Entscheidung zu ihren eigenen Gunsten verschaffen. Sie fürchteten die Wahrheit und wichen vor der kühnen Herausforderung zurück. Diese Niederlage spornte sie aber nur dazu an, durch neue Anschläge auf die Ausrottung des unterdrückten Glaubens zu sinnen. Der Generalkonsul von Persien in Baghdád kam ihnen zu Hilfe und sandte wiederholt Botschaften an den Sháh mit der Nachricht, daß Bahá’u’lláh der muhammadanischen Religion mehr denn je schade und immer noch einen schädlichen Einfluß auf Persien ausübe. Zugleich beantragte er, Ihn deshalb an einen entlegenen Ort zu verbannen.

Es war charakteristisch für Bahá’u’lláh, daß Er in dieser Krise, als auf die Anstiftung der muhammadanischen Mullás die persische und die türkische Regierung ihre Kräfte vereinigten, um die Bewegung auszurotten, ruhig und heiter blieb, Seine Gefährten ermutigte und begeisterte und unvergängliche Worte des Trostes und der Führung niederschrieb. ‚Abdu’l-Bahá berichtet, daß die `Verborgenen Worte` zu dieser Zeit geschrieben worden sind. Bahá’u’lláh pflegte oft Seinen Spaziergang das Tigrisufer entlang zu machen. Bei der Heimkehr sah Er immer sehr glücklich aus und schrieb diese lyrischen Juwelen weiser Ratschläge nieder, die Tausenden von schmerzgequälten Herzen Hilfe und Heilung brachten. Jahrelang gab es nur wenige handgeschriebene Stücke der `Verborgenen Worte`, und diese wurden sorgfältig versteckt, damit sie nicht in die Hände der zahlreichen Feinde fallen möchten; aber jetzt ist dieses kleine Büchlein eines der bekanntesten der Werke von Bahá’u’lláh und wird auf dem ganzen Erdenrund gelesen. Das Buch Iqán ist ein anderes wohlbekanntes Werk von Bahá’u’lláh, das etwa zur selben Zeit gegen das Ende Seines Aufenthaltes in Baghdád (1862 bis 1863) verfaßt wurde.

+3:6 #46 Erklärung im Garten Ridván in der Nähe von Baghdád

Nach vielen Unterhandlungen erging auf Verlangen der persischen Regierung ein Befehl seitens der türkischen Regierung, der Bahá’u’lláh nach Konstantinopel vorlud. Beim Empfang dieser Nachricht gerieten die Gläubigen in Bestürzung. Sie umlagerten das Haus ihres geliebten Führers derart, daß die Familie sich für zwölf Tage in den Garten von Najíb-Páshá außerhalb der Stadt zurückziehen mußte, während die Karawane für die lange Reise ausgerüstet wurde. Während dieser zwölf Tage (22. April bis 3. Mai 1863, neunzehn Jahre nach der Erklärung des Báb), gab nun Bahá’u’lláh verschiedenen Seiner Gefährten die frohe Botschaft kund, daß Er der Eine sei, Dessen Kommen der Báb vorausgesagt habe, der Erwählte Gottes, der Verheißene aller Propheten. Der Garten, wo diese denkwürdige Erklärung vor sich ging, ist unter den Bahá’í bekannt geworden als der »Garten Ridván«, und die Tage, die Bahá’u’lláh hier zubrachte, werden gefeiert als »Ridván-Fest«, das alljährlich bei Wiederkehr dieser zwölf Tage gehalten wird. Während dieser Tage zeigte sich Bahá’u’lláh, anstatt traurig oder bedrückt zu sein, überaus freudig. Er war voll Würde und Macht. Seine Gefährten wurden glücklich und begeistert, und viele Leute kamen, um ihre Ehrerbietung zu erzeigen. Alle hohen Beamten von Baghdád, auch der Gouverneur selbst, kamen, um den abreisenden Gefangenen zu ehren.

+3:6 #47 Konstantinopel und Adrianopel

Die Reise nach Konstantinopel dauerte drei bis vier Monate. Als sie – die Reisegesellschaft bestand aus Bahá’u’lláh, den Mitgliedern Seiner Familie und 26 Jüngern – in Konstantinopel ankamen, fanden sie sich als Gefangene in einem kleinen Haus, in dem sie schrecklich eng zusammengedrängt waren. Später erhielten sie etwas bessere Unterkunft. Aber nach vier Monaten wurden sie weiterbefördert nach Adrianopel. Die Reise nach Adrianopel war, obgleich sie nur wenige Tage dauerte, das Schrecklichste, was ihnen bis jetzt zugestoßen war. Es schneite fast während der ganzen Reise außerordentlich stark, und es fehlte ihnen an geeigneter Kleidung und an Nahrung. Ihre Leiden waren fürchterlich. Während des ersten Winters in Adrianopel waren Bahá’u’lláh und Seine Familie von zwölf Personen in einem kleinen Haus mit drei Räumen untergebracht, das jeder Bequemlichkeit entbehrte und voll Ungeziefer war. Im Frühjahr wies man ihnen eine etwas bequemere Wohnung zu. Sie blieben über viereinhalb Jahre in Adrianopel. Hier nahm Bahá’u’lláh Sein Lehren wieder auf und scharte eine zahlreiche Anhängerschaft um sich. Er verkündete öffentlich Seine Sendung und wurde von der Mehrzahl der Bábí begeistert angenommen, die von da an als Bahá’í bekannt wurden. Eine Minderzahl aber unter der Führung des Halbbruders von Bahá’u’lláh, Mírzá Yahyá, leistete Ihm heftigen Widerstand und verband sich mit den früheren Feinden, den Shí’iten, in Anschlägen zu Seinem Sturz. Es kam zu großen Unruhen, und schließlich verbannte die türkische Regierung sowohl die Bábí als die Bahá’í aus Adrianopel, Bahá’u’lláh und Seine Gefährten nach ‚Akká in Palästina, wo sie nach dem Bericht von Nabíl¹ am 31. August 1868 eintrafen, während Mírzá Yahyá und seine Anhänger nach Zypern verschickt wurden.

¹ Nabíl-i-A’zam der Verfasser von »The Dawn-Breakers«, eines Werkes über die frühe Geschichte des Bahá’í-Glaubens, war an manchen Geschehnissen, die er beschreibt, selbst beteiligt und mit vielen der ersten Gläubigen persönlich bekannt.

+3:7 #48 Briefe an die Könige

Um diese Zeit schrieb Bahá’u’lláh die berühmte Reihe Seiner Briefe an den Sultán der Türkei, an viele der gekrönten Häupter von Europa, an den Papst und den Sháh von Persien. In Seinem »Buch Aqdas« sprach Er die anderen Herrscher an, die Regierungen und Präsidenten von Amerika, alle Religionsführer und die gesamte Menschheit. Allen verkündete Er Seine Sendung und rief sie auf, ihre Kräfte einzusetzen, wahre Religion, gerechte Regierungen und internationalen Frieden aufzurichten.

In Seinem Brief an den Sháh verfocht Er machtvoll die Sache der unterdrückten Bábí und verlangte, Auge in Auge denen gegenübergestellt zu werden, die ihre Verfolgung angestiftet hatten. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß dieses Verlangen nicht erfüllt wurde; Badí, der junge und ergebene Bahá’í, der den Brief von Bahá’u’lláh überbrachte, wurde festgenommen und unter fürchterlichen Qualen dem Märtyrertod überliefert, indem ihm heiße Ziegelsteine ins Fleisch gedrückt wurden.

Im gleichen Brief gibt Bahá’u’lláh eine herzergreifende Darstellung Seiner eigenen Leiden und Seiner Sehnsucht:

»O König, auf dem Wege Gottes habe Ich geschaut, was noch kein Auge geschaut und noch kein Ohr gehört hat. Freunde haben Mich verlassen; Wege wurden Mir versperrt; der Teich Meiner Sicherheit ist ausgetrocknet; die Ebene des Wohlbehagens ist dürr gebrannt. Wie viele Schwierigkeiten sind herabgekommen, und wie viele werden noch nachkommen! Ich schreite dem Mächtigen, dem Gütigen entgegen, während hinter mir die Schlange gleitet. Meine Augen weinen, bis Mein Lager tränenbenetzt ist; aber Mein Kummer gilt nicht Mir selbst. Bei Gott, Mein Haupt verlangt nach den Speeren um der Liebe seines Herrn willen, und an keinem Baum gehe Ich vorbei, ohne daß Ich Mich im Herzen an ihn wende und zu ihm sage: `O, daß du doch in Meinem Namen umgehauen würdest und Mein Körper an dir gekreuzigt würde auf dem Pfade Meines Herrn!` O, Ich sehe die Menschen irregehen in ihrem Rausch, und sie wissen es nicht; sie haben ihre Lüste auf den Thron gesetzt und ihren Gott beiseite gelegt, als ob sie das Gebot Gottes für ein Gespött, für einen Schmerz und für ein Spielzeug hielten; und sie denken, daß sie es recht machen und daß sie geborgen seien in der Festung der Sicherheit. Die Sache ist aber anders als sie denken: morgen werden sie erkennen, was sie heute verleugnen.«

»Wir sind im Begriff, von diesem entlegenen Verbannungsort (Adrianopel) nach der Gefängnisstadt ‚Akká zu ziehen. Nach dem, was man hört, ist dies sicherlich die trostloseste Stadt der Welt, die häßlichste dem Anblick nach, abscheulich in ihrem Klima, mit verseuchtem Trinkwasser. Es ist, als ob es die Sammelstadt der Eulen wäre; man hört nichts darin als ihr Geschrei. Und darin wöllen sie diesen Diener einkerkern mit der Absicht, vor Unserem Angesicht die Tore der Milde zu schließen und Uns zeitlebens der guten Dinge des Lebens in dieser Welt zu berauben, während Wir derer heute noch einige genießen. Bei Gott, sollte gleich Ermüdung Mich schwächen und Hunger Mich vernichten, sollte Mein Lager auf hartem Fels sein und Mir die Tiere der Wüste als Gefährten beigegeben werden, so will Ich nicht zurückschrecken, sondern will, wie die Entschlossenen und Entschiedenen, geduldig sein durch die Kraft Gottes, des Königs des Vor-Daseins, des Schöpfers der Völker, und unter allen Umständen bin Ich dankbar gegen Gott. Und Wir hoffen auf Seine Gnade – erhaben ist Er – … daß Er die Gesichter aller Menschen aufrichtig mache gegen Ihn, den Mächtigen, den Gütigen. Wahrlich, Er antwortet dem, der betet, und Er ist dem nahe, der zu Ihm ruft. Wir bitten Ihn, Er möge dieses finstere Unglück zu einem Schild machen für den Leib Seiner Heiligen, um sie damit zu schützen gegen die scharfen Schwerter und die durchbohrenden Klingen. Durch Trübsal hat dieses Licht geschienen und hat sein Lobpreis unaufhörlich gestrahlt; dies war Seine Art in allen verflossenen Zeitaltern und in längst entschwundenen Zeiten.«¹

¹ Bahá’u’lláh, zitiert nach `A Travellers Narrative` S.145-147) (S.a. Hüter, `Der Verheißene Tag ist gekommen` S.73/74

+3:8 #50 Einkerkerung in ‚Akká

Zu jener Zeit war ‚Akká eine Gefängnisstadt, in welche die schwersten Verbrecher aus allen Teilen des türkischen Reiches verbracht wurden. Bei der Ankunft daselbst, nach einer schlimmen Seereise, wurden Bahá’u’lláh und Seine Gefährten, etwa achtzig bis vierundachtzig an Zahl, Männer, wie auch Frauen und Kinder, in der Kaserne eingekerkert. Der Raum war schmutzig und im höchsten Grade bedrückend. Es gab keine Betten noch sonst irgendeine Bequemlichkeit. Die verabreichte Speise war erbärmlich und so ungenießbar, daß nach einiger Zeit die Gefangenen baten, es möge ihnen erlaubt werden, ihre Nahrungsmittel selbst einzukaufen. Während der ersten Tage schrieen die Kinder unaufhörlich, und es war beinahe unmöglich zu schlafen. Malaria, Ruhr und andere Krankheiten brachen bald aus, und die ganze Gefangenenschar bis auf zwei wurde krank. Drei Menschen starben an ihrer Erkrankung, und die Leiden der Überlebenden waren unbeschreiblich.¹

Diese strenge Gefangenschaft dauerte über zwei Jahre, während derer kein Bahá’í die Gefängnisschwelle überschreiten durfte, ausgenommen vier Männer, die, sorgfältig bewacht, täglich ausgingen, um Essen einzukaufen.

Während der Einkerkerung in der Kaserne wurden alle Besuche streng abgewiesen. Mehrere Bahá’í aus Persien wanderten den ganzen Weg zu Fuß, um ihren geliebten Führer zu sehen, es wurde ihnen aber der Einlaß durch das Stadttor versagt. Sie pflegten dann an einen Ort auf der Ebene außerhalb des dritten Festungsgrabens zu gehen, von wo aus sie die Fenster des Gefängnisraumes von Bahá’u’lláh sehen konnten, und nachdem sie Ihn von ferne erblickt hatten, brachen sie in Tränen aus und kehrten heim, angefacht zu neuem Eifer für Opfer und Dienst.

¹ Um zwei von den Gestorbenen beerdigen zu können, gab Bahá’u’lláh Seinen eigenen Teppich her, um aus dem Erlös die Auslagen für das Begräbnis zu bestreiten. Aber statt das Geld für diesen Zweck zu verwenden, unterschlugen es die Soldaten und warfen die Körper in eine Grube.

+3:9 #51 Die Beschränkungen werden milder

Schließlich wurde die Gefangenschaft gemildert. Einer eintretenden Mobilisierung türkischer Truppen wegen wurde die Kaserne für Soldaten benötigt. Bahá’u’lláh und Seine Familie erhielten ein Haus für sich allein, und der Rest der Gefährten wurde in einer Karawanserei in der Stadt untergebracht. Bahá’u’lláh wurde in diesem Hause weitere sieben Jahre gefangengehalten. In einem engen Raum neben dem Zimmer, in dem Er gefangengehalten wurde, mußten sich dreizehn Angehörige Seines Haushalts beiderlei Geschlechtes beieinander einrichten, so gut sie konnten. In der ersten Zeit ihres Aufenthalts in diesem Haus litten sie schwer unter Unbequemlichkeit, ungeeigneter Speise und Mangel an den einfachsten Lebenserleichterungen. Nach einiger Zeit aber wurden einige weitere Räume zur Verfügung gestellt, und sie konnten nun einigermaßen in Bequemlichkeit leben. Nun verließen Bahá’u’lláh und Seine Gefährten die Kaserne. Besuchern wurde erlaubt, zu Ihm zu gehen, und nach und nach wurden die strengen Einschränkungen von seiten der Regierung fallengelassen, obgleich sie dann und wann für kurze Zeit wieder in Kraft traten.

+3:10 #52 Die Tore des Gefängnisses öffnen sich

Auch während der Zeit der schlimmsten Einkerkerung waren die Bahá’í nicht entmutigt, und ihr heiteres Vertrauen wurde nie erschüttert. Schrieb doch Bahá’u’lláh in der Kaserne von ‚Akká an verschiedene Freunde:

»Fürchtet euch nicht. Diese Tore werden sich öffnen. Mein Zelt wird auf dem Berge Karmel aufgeschlagen werden, und die herrlichste Freude werden wir erleben.«¹

Diese Erklärung war eine große Quelle des Trostes für Seine Gefährten, und im gegebenen Augenblick erfüllte sie sich wörtlich. Die Geschichte, wie die Gefängnistore sich öffneten, ist am besten erzählt mit den Worten von ‚Abdu’l-Bahá, wie sie dessen Enkel Shoghi Effendi (ins Englische) übersetzt hat:¹

»Bahá’u’lláh liebte die Schönheit und das Grün des Landes. Eines Tages bemerkte Er nebenbei: `Ich bin jetzt neun Jahre lang nicht mehr im Grünen gewesen. Das Land ist die Welt der Seele, die Stadt die Welt des Körpers`. Als man mir diesen Ausspruch mitteilte, erkannte ich, daß Er sich nach dem Lande sehnte, und ich war sicher, daß von Erfolg begleitet sein würde, was ich auch tun würde, um Seinen Wunsch zu erfüllen. Es gab in ‚Akká zu jener Zeit einen Mann, namens Muhammad Páshá Safwat, der gegen uns sehr feindselig war. Er besaß einen Palast, der Mazra’ih hieß, etwa vier Meilen nördlich der Stadt, einem lieblichen Ort, von Gärten umgeben und mit einem fließenden Gewässer. Ich ging und besuchte diesen Páshá in seinem Heim. Ich sagte: `Páshá, du läßt deinen Palast leer stehen und lebst in ‚Akká.` Er erwiderte: `Ich bin gebrechlich und kann die Stadt nicht missen. Wenn ich hinausgehe, ist es mir zu einsam, und ich bin von meinen Freunden abgeschnitten.` Ich sagte: `Weil du nicht draußen lebst und das Haus leer steht, überlasse es doch uns`. Er war erstaunt über den Vorschlag, aber bald war er damit einverstanden. Ich bekam das Haus zu einer sehr niedrigen Miete, etwa fünf Pfund das Jahr, bezahlte diese auf fünf Jahre und schloß einen Vertrag mit ihm ab. Ich schickte Arbeiter, den Platz instandzusetzen und den Garten in Ordnung zu bringen, auch ein Bad ließ ich einbauen. Ich hatte auch ein Gefährt zur Benutzung durch die Gesegnete Schönheit² bereitgestellt. Eines Tages entschloß ich mich, hinauszugehen und den Ort selbst anzusehen. Trotz der wiederholten Einschärfungen in späteren Befehlen, daß wir unter keinen Umständen die Grenzen der Stadtmauer überschreiten dürften, ging ich zum Stadttor hinaus. Dort standen Wachen, aber sie erhoben keinen Einwand, und ich begab mich sogleich zu dem Palast. Am nächsten Tage ging ich wieder hinaus, begleitet von verschiedenen Freunden und Beamten, unbelästigt und ohne Widerstand zu finden, obgleich die Pförtner und Wachen zu beiden Seiten der Stadttore standen. Andern Tags veranstaltete ich ein Gastmahl, stellte eine Tafel unter die Pinienbäume von Bahjí und versammelte die Spitzen und Beamten der Stadt. Abends kehrten wir zusammen in die Stadt zurück.«

Eines Tages nun begab ich mich in die heilige Gegenwart der Gesegneten Schönheit und sagte: `Der Palast zu Mazra’ih steht für uns bereit und ein Gefährt, um Dich dahin zu bringen`. (Um jene Zeit gab es in ‚Akká oder Haifa keine Fahrzeuge.) Er weigerte sich zu gehen und sagte: `Ich bin ein Gefangener.` Später bat ich Ihn wieder, erhielt aber die gleiche Antwort. Ich ging soweit, Ihn ein drittes Mal zu bitten, aber Er sagte nur: `Nein`, und ich wagte nicht, weiter in Ihn zu dringen.

Nun wohnte in ‚Akká ein gewisser muhammadanischer Shaykh, ein wohlbekannter Mann von bedeutendem Einfluß, der Bahá’u’lláh liebte und der bei Ihm in großer Gunst stand. Ich besuchte diesen Shaykh und legte ihm die Sache dar. Ich sagte: `Du darfst es wagen. Begib dich zur Nacht in Seine heilige Gegenwart, falle auf die Knie vor Ihm, erfasse seine Hände und lasse nicht nach und gehe nicht, bis Er verspricht, die Stadt zu verlassen.` Er war ein Araber… Er begab sich unverzüglich zu Bahá’u’lláh und ließ sich vor Ihm auf die Knie nieder. Er ergriff die Hände der Gesegneten Schönheit, küßte sie und frug: `Warum verlässest Du die Stadt nicht?` Er sprach: `Ich bin ein Gefangener.` Der Shaykh entgegnete: `Da sei Gott vor! Wer hat die Macht, Dich zu einem Gefangenen zu machen? Du hast Dich selbst in Gefangenschaft gehalten. Es war Dein eigener Wille, gefangengehalten zu werden, und nun bitte ich Dich, herauszukommen und zu dem Palaste zu gehen. Es ist herrlich und grün. Die Bäume sind lieblich und die Orangen glühen wie Feuerbälle!` Sooft die Gesegnete Schönheit sprach: `Ich bin ein Gefangener, es kann nicht sein`, griff der Shaykh nach Seinen Händen und küßte sie. Eine ganze Stunde lang ließ er nicht nach, auf Bahá’u’lláh einzureden. Schließlich sagte Bahá’u’lláh: `Khaylí khúb (also gut)`, und des Shaykhs Geduld und Ausdauer waren belohnt. Er kam zu mir in großer Freude, mir die frohe Neuigkeit der Einwilligung Seiner Heiligkeit zu bringen. Trotz dem strengen Befehl von ‚Abdu’l-‚Azíz, der mir eine Begegnung oder sonst eine Verbindung mit der Gesegneten Vollkommenheit³ verbot, nahm ich am nächsten Tage das Gefährt und fuhr mit Ihm zu dem Palast hinaus. Niemand machte eine Einwendung. Ich verließ Ihn dort und kehrte zur Stadt zurück.

Zwei Jahre lang verblieb Er an diesem reizenden und lieblichen Ort. Dann entschied Er sich, anderswohin zu gehen, nämlich nach Bahjí. Damals brach eine Seuche in Bahjí aus, und der Eigentümer des Hauses entfloh aus Angst mit seiner ganzen Familie und erklärte sich bereit, sein Haus irgendeinem Bewerber umsonst zu überlassen. Wir übernahmen das Haus gegen eine ganz niedrige Miete, und hier wurden die Tore der Majestät und der wahren Herrschaft weit geöffnet. Bahá’u’lláh war dem Namen nach ein Gefangener (denn die strengen Befehle des Sultáns ‚Abdu’l-Azíz wurden nie aufgehoben), aber in Wirklichkeit zeigte Er eine solche Vornehmheit und Würde in Seinem Leben und Seinem Auftreten, daß Er von jedermann verehrt wurde und die Herrscher von Palästina Ihn um Seinen Einfluß und Seine Macht beneideten. Gouverneure und Mutisarrifs, Generäle und örtliche Beamte suchten demütig um die Ehre nach, in Seine Gegenwart zu gelangen – eine Bitte, der Er selten entsprach.

Einmal suchte ein Gouverneur der Stadt auf höheren Befehl um die Gunst nach, die Gesegnete Vollkommenheit mit einem gewissen General zusammen besuchen zu dürfen. Dem Verlangen wurde entsprochen, und der General, ein sehr wohlbeleibter Mann, ein Europäer, war so beeindruckt von der majestätischen Gegenwart von Bahá’u’lláh, daß er knieend auf dem Boden in der Nähe der Türe verharrte. So groß war die Schüchternheit der beiden Besucher, daß es wiederholter Einladungen von Bahá’u’lláh bedurfte, sie zu bewegen, die Nargileh (Wasserpfeife) zu rauchen, die Er ihnen anbot. Auch dann berührten sie diese nur mit den Lippen, legten sie wieder beiseite, kreuzten dann ihre Arme und saßen in solcher Demut und Hochachtung da, daß es für die Anwesenden ganz erstaunlich war.(4)

Die liebevolle Ergebenheit der Freunde, die Rücksicht und Hochachtung, die Ihm von allen Beamten und Standespersonen entgegengebracht wurde, der Zustrom der Pilger und Sucher nach Wahrheit, der Geist der Hingabe und des Dienstes, der rings um Ihn offenbar wurde, die hoheitsvolle und königliche Haltung der Gesegneten Vollkommenheit, die Wirkungskraft Seines Gebotes, die Zahl der Ihm so eifrig Ergebenen, all dies legte Zeugnis ab für die Tatsache, daß Bahá’u’lláh in Wirklichkeit kein Gefangener war, sondern ein König der Könige. Zwei despotische Regenten standen gegen Ihn, zwei mächtige Selbstherrscher, und doch, auch als Er eingeschlossen war in ihren Gefängnissen, redete Er sie in gebietendem Tone an, wie ein König seine Untertanen. Später lebte Er, trotz strenger anderweitiger Befehle, in Bahjí wie ein Fürst. Er konnte oft sagen: `Wahrlich, wahrlich, das elendeste Gefängnis hat sich in das Paradies Eden umgewandelt.`«

»Sicher, etwas Derartiges ist noch nicht dagewesen seit der Schöpfung der Welt.«

¹ Gibt es hierzu und Abdu’l-Bahás Erzählung noch eine weitere Quelle?

² Jamál-i-Mubárak = die Gesegnete Schönheit: wurde Bahá’u’lláh von Seinen Anhängern und Freunden oft genannt.

³ Gesegnete Vollkommenheit, ein Beiname Bahá’u’lláhs

(4) Geschichtlich wäre interessant: Wer war der europäische General, hatte er Nachkommen und wissen diese von der Begebenheit?

+3:11 #55 Das Leben in Bahjí

Hatte Er in den früheren Jahren Seiner Leiden gezeigt, wie man Gott in einem Zustande der Armut und Schmach verherrlichen kann, so zeigte Bahá’u’lláh in Seinen späteren Jahren in Bahjí, wie Gott in Zeiten der Ehre und des Wohlstandes zu verherrlichen ist. Die Gaben von Hunderttausenden Seiner ergebenen Anhänger stellten große Beträge zu Seiner Verfügung, um deren Verwaltung Er gebeten wurde. Obgleich Sein Leben in Bahjí als wirklich königlich im höchsten Sinne des Wortes beschrieben worden ist, darf man doch darunter nicht verstehen, daß Sein Leben durch äußerlichen Prunk oder durch Verschwendung gekennzeichnet war. Die Gesegnete Vollkommenheit und Seine Familie lebten auf sehr einfache und bescheidene Art, und Ausgaben für eigenen Luxus waren etwas, was man in Seinem Haushalt nicht kannte. Nahe bei Seinem Haus legten die Gläubigen einen schönen Garten mit Namen Ridván an, in welchem Er oft mehrere Tage und selbst Wochen zubrachte, wobei Er des Nachts in einem Landhäuschen inmitten des Gartens schlief. Gelegentlich ging Er auch über Land. Er besuchte öfters ‚Akká und Haifa, und mehr denn einmal hat Er Sein Zelt auf dem Berge Karmel errichtet, wie Er vorausgesagt hatte, als Er noch in der Kaserne von ‚Akká eingekerkert war. Bahá’u’lláh verbrachte die meiste Zeit in Gebet und Andacht, mit der Niederschrift der heiligen Bücher, mit Offenbaren von Tablets und mit der geistigen Erziehung der Freunde. Um Ihm vollständige Freiheit für Sein großes Werk zu geben, übernahm ‚Abdu’l-Bahá alle andern Geschäfte selbst, sogar den Besuch der Mullás, der Dichter und der Mitglieder der Regierung. Alle diese Leute waren entzückt und beglückt vom Zusammensein mit ‚Abdu’l-Bahá, und waren völlig zufriedengestellt durch Seine Erklärungen und die Unterhaltung mit Ihm, und obgleich sie Bahá’u’lláh selbst nicht gesehen hatten, waren sie voll freudiger Gefühle für Ihn durch die Begegnung mit Seinem Sohn, da die Haltung von ‚Abdu’l-Bahá ihnen ebenfalls volles Verständnis für die Stufe Seines Vaters übermittelte.

Der hervorragende Orientalist, Professor Edward G. Browne von der Universität in Cambridge, besuchte Bahá’u’lláh im Jahre 1890 in Bahjí und schrieb seine Eindrücke wie folgt nieder:

»Mein Führer stand einen Augenblick stille, während ich meine Schuhe ablegte. Mit einem raschen Griff zog er den Vorhang zurück, und ich betrat ein großes Zimmer, an dessen oberem Ende ein Diwan und der Türe gegenüber zwei oder drei Stühle standen. Obschon ich dunkel ahnte, wohin ich jetzt ging, und wen ich sehen sollte (eine bestimmte Andeutung war mir nicht gemacht worden), stand ich doch einige Sekunden mit Herzklopfen und voll Ehrfurcht da, bevor ich mir endlich bewußt wurde, daß der Raum nicht leer war. In der Ecke, wo der Diwan an die Wand stieß, saß eine hoheitsvolle, ehrwürdige Gestalt mit jener Kopfbedeckung, wie sie bei den Derwischen Táj genannt wird (aber von ungewöhnlicher Höhe und Form), und um deren unteren Teil ein kleiner weißer Turban gewunden war. Das Antlitz, in das ich nun blickte, kann ich nie vergessen, obgleich ich nicht imstande bin, es zu beschreiben. Diese durchdringenden Augen schienen auf dem Grunde der Seele zu lesen. Macht und Würde lagen über diesen breiten Augenbrauen; die tiefen Falten auf Seiner Stirne und Seinem Gesicht verrieten ein Alter, das Sein tiefschwarzes Haar und der in üppiger Fülle bis zur Leibesmitte herabwallende Bart Lügen zu strafen schienen. Unnötig zu fragen, in wessen Gegenwart ich stand, als ich mich vor Dem verneigte, Der das Ziel einer Verehrung und Liebe ist, um die Ihn Könige beneiden könnten und nach der sich Kaiser vergeblich sehnen.«

»Eine milde, würdevolle Stimme bat mich, Platz zu nehmen, und sprach sodann:«

»`Gelobt sei Gott, daß du es erreicht hast! … Du bist gekommen, um einen Gefangenen und Verbannten zu sehen … Wir wünschen nur das Wohl der Welt und das Glück der Völker; dennoch hält man Uns für Anstifter von Streit und Aufruhr, die Gefangenschaft und Verbannung verdienen … Wir wünschen, daß alle Völker in einem Glauben vereint und alle Menschen Brüder werden; daß das Band der Liebe und Einigkeit zwischen den Menschenkindern gestärkt werde; daß Religionsverschiedenheit aufhöre und die Unterschiede, welche zwischen den Rassen gemacht werden, aufhören – was ist nun Schlimmes hieran? … Aber trotz all dem wird es dahin kommen; diese fruchtlosen Kämpfe, diese zerstörenden Kriege werden aufhören und der ‚Größte Friede‘ wird kommen … Habt ihr dies in Europa nicht auch nötig? Ist dies nicht das, was Christus verhieß? … Aber dennoch sehen Wir eure Könige und Regenten die Schätze ihrer Länder mehr auf die Zerstörung der menschlichen Rasse verschwenden als darauf, was zum Glück der Menschheit führen würde … Diese Kämpfe, dieses Blutvergießen und diese Zwietracht müssen aufhören, alle Menschen müssen sein, also ob sie einem Geschlecht und einer Familie angehörten. Es rühme sich kein Mensch dessen, daß er sein Land liebt, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt …`«

»Solcher Art waren, soweit ich sie aus dem Gedächtnis wiedergeben kann, die Worte, die ich, neben vielen anderen, von Bahá hörte. Mögen die, die sie lesen, sie gut daraufhin ansehen, ob solche Lehren Tod und Ketten verdienen, und ob die Welt von ihrer Verbreitung nicht vielleicht mehr gewinnen als verlieren würde.«¹

¹ A Traveller’s Narrative, Einleitung, S. XXXIX

+3:12 #57 Sein Hinscheiden

So verbrachte Bahá’u’lláh Seinen Lebensabend einfach und ruhig, bis Er nach einem Fieberanfall am 29. Mai 1892 im Alter von 75 Jahren verschied. Eines Seiner letzten Tablets, die Er offenbarte, war Sein letzter Wille und Sein Testament, das Er mit eigener Hand schrieb, formgerecht unterzeichnete und siegelte. Neun Tage nach Seinem Tode wurden die Siegel von Seinem ältesten Sohn in Gegenwart von Familienmitgliedern und einigen Freunden zerbrochen und der Inhalt der kurzen, aber bedeutsamen Urkunde bekanntgegeben. Durch diesen letzten Willen wurde ‚Abdu’l-Bahá als Seines Vaters Bevollmächtigter und als Ausleger seiner Lehren bestimmt. Die Familie und die Verwandten von Bahá’u’lláh und alle Gläubigen wurden angewiesen, sich Ihm zuzuwenden und Ihm zu gehorchen. Durch diese Anordnung wurden Sektiererei und Spaltung verhindert und die Einheit der Sache sichergestellt.

+3:13 #58 Bahá’u’lláh als Offenbarer

Es ist wichtig, sich eine klare Vorstellung von Bahá’u’lláh als Offenbarer zu machen. Seine Aussprüche können gleich denen anderer göttlicher »Manifestationen« in zwei Arten eingeteilt werden, in eine, in der Er schreibt und spricht wie ein Mensch, der von Gott mit einer Botschaft an Seine Mitmenschen beauftragt ist, während in der andern die Worte unmittelbare Äußerung Gottes selbst sind. Im Buch Iqán schreibt Er (S.119f):

»Wir haben schon auf den vorausgegangenen Seiten einer jeden der Leuchten, die sich von den Aufgangsorten ewiger Heiligkeit erheben, zwei Stufen zugeschrieben. Die eine dieser Stufen, die Stufe der Wesenseinheit, haben Wir bereits erläutert. `Keinen Unterschied machen Wir zwischen irgendwelchen von ihnen.` (Qur’án 2:136) Die andere Stufe ist die der Unterscheidung und gehört der Welt der Schöpfung und ihren Begrenzungen an. In dieser Hinsicht hat jede Manifestation Gottes eine ausgeprägte Individualität, eine genau vorgezeichnete Sendung, eine vorherbestimmte Offenbarung und besonders gegebene Begrenzungen. Eine jede von ihnen ist unter einem anderen Namen bekannt, ist durch eine andere Eigenschaft gekennzeichnet, erfüllt eine bestimmte Sendung und ist mit einer besonderen Offenbarung betraut. So wie Er spricht: `Einige der Sendboten haben Wir vor den anderen ausgezeichnet. Zu einigen hat Gott gesprochen, einige hat Er erhoben und erhöht. Und Jesus, dem Sohne Marias, verliehen Wir offenbare Zeichen, und Wir stärkten Ihn mit dem Heiligen Geist.'(Qur’án 2:253)«

»Durch diese Verschiedenheit ihrer Stufe und Sendung kommt es, daß die Worte und Aussprüche, die von diesen Urquellen göttlicher Erkenntnis strömen, scheinbar voneinander abweichen und verschieden sind. Dagegen sind in den Augen derer, die in die Mysterien göttlicher Weisheit eingeweiht sind, alle ihre Aussprüche in Wirklichkeit nur der Ausdruck einer Wahrheit. Da die meisten Menschen diese Stufen, auf die Wir hingewiesen haben, nicht richtig einzuschätzen vermögen, fühlen sie sich verwirrt und bestürzt angesichts der verschiedenartigen Aussprüche der Manifestationen, die doch in ihrem Wesen ein und dieselben sind. Es ist von jeher klar gewesen, daß alle diese Unterschiede im Ausdruck den Unterschieden in der Stufe beizumessen sind. So sind, vom Gesichtspunkt ihrer Einheit und erhabenen Loslösung aus gesehen, die Kennzeichen Gottheit, Göttlichkeit, höchste Einzigkeit und innerstes Sein von jeher und auch heute auf diese wahrsten Wesen des Daseins anwendbar, da sie ja alle auf dem Throne göttlicher Offenbarung weilen und sich auf dem Sitze göttlicher Verborgenheit niedergelassen haben. Durch ihr Erscheinen ist die Offenbarung Gottes offenkundig geworden und durch ihr Antlitz die Schönheit Gottes enthüllt. So geschieht es, daß durch diese Manifestation des göttlichen Seins die Sprache Gottes selbst vernommen worden ist.«

»Im Lichte ihrer zweiten Stufe betrachtet – der Stufe der Auszeichnung, der Unterscheidung, der zeitlichen Begrenzungen, der Kennzeichen und Maßstäbe – zeigen sie unbedingte Dienstbarkeit, äußerste Armut und völlige Auslöschung des Selbstes. So hat Er gesprochen: `Ich bin der Diener Gottes. Ich bin nur ein Mensch wie ihr.`«

»Gehe nun von diesen unwiderleglichen und vollständig dargelegten Erklärungen aus und sei darauf bedacht, den Sinn der Fragen, die du gestellt hast, zu begreifen, auf daß du standhaft im Glauben Gottes seiest und nicht durch die Verschiedenheiten in den Aussprüchen Seiner Propheten und Auserwählten erschüttert werdest.«

»Würde eine der allumfassenden Manifestationen Gottes erklären: `Ich bin Gott!`, so spräche Sie gewißlich wahr, und es gäbe darüber keinen Zweifel. Denn es ist wiederholt dargetan worden, daß durch ihre Offenbarung, ihre Eigenschaften und Namen die Offenbarung Gottes, Sein Name und Seine Eigenschaften in der Welt offenkundig gemacht worden sind. So hat Er enthüllt: `Jene Pfeile waren von Gott, nicht von Dir!` (Qur’án 8:17) Und ebenso spricht Er: `Wahrlich, die Dir Treue gelobten, gelobten sie in Wirklichkeit Gott.` (Qur’án 48:10)

Würde einer von Ihnen den Ausspruch tun: `Ich bin der Gesandte Gottes`, so spräche Er auch die Wahrheit, die unzweifelhafte Wahrheit. So spricht Er: `Muhammad ist nicht der Vater irgendeines Menschen unter euch, sondern Er ist der Gesandte Gottes.` In diesem Lichte gesehen sind sie alle nur Gesandte jenes vollkommenen Königs, jener unwandelbaren Wesenheit. Würden sie alle verkünden: `Ich bin das Siegel der Propheten`, so sprächen sie gewißlich nichts als die Wahrheit, und sie wären über den geringsten Schatten eines Zweifels erhaben, denn sie alle sind nur eine Persönlichkeit, eine Seele, ein Geist, ein Wesen, eine Offenbarung. Sie alle sind die Manifestation des `Anfangs` und des `Endes`, des `Ersten` und des `Letzten`, des `Sichtbaren` und des `Verborgenen` – all dies kommt Ihm zu, Ihm, dem innersten Geiste der Geister und dem ewigen Wesen der Wesen.«

»Und würden sie sagen: `Wir sind Diener Gottes` (Qu’án 33:40), so ist auch dies eine offenkundige und unbestreitbare Tatsache. Denn sie haben sich im äußersten Zustande des Dienens geoffenbart, eines Dienens, wie es wohl kein Mensch erreichen kann. Darum haben diese Wesen des Daseins in Augenblicken, da sie tief in die Meere altehrwürdiger und ewigwährender Heiligkeit untertauchten, oder wenn sie zu den erhabensten Höhen göttlicher Mysterien emporstiegen, den Anspruch erhoben, daß ihre Sprache die Stimme der Gottheit, der Ruf Gottes selbst sei. Wäre das Auge der Unterscheidung geöffnet, so würde es erkennnen, daß sie sich in eben diesem Zustand als völlig ausgelöscht und nicht bestehend betrachteten vor dem Antlitz Dessen, welcher der Alldurchdringende, der Unbestechliche ist. Mich dünkt, sie haben sich ganz wie ein Nichts angesehen und ihre Erwähnung in jenem heiligen Hof als einen Akt der Gotteslästerung erachtet. Denn die leisesten Einflüsterungen des Selbstes sind in solch einem Hof ein Beweis von Selbstbetonung und Eigendasein. In den Augen derer, die in diesen Hof gelangten, ist solch eine Regung schon ein schweres Vergehen. Wieviel schlimmer wäre es, würde in solcher Gegenwart sonst noch etwas erwähnt werden, würden des Menschen Herz, Zunge, Gemüt oder Seele von etwas anderem eingenommen werden als von dem Vielgeliebten, würden des Menschen Augen ein anderes Antlitz betrachten als Seine Schönheit, würde des Menschen Ohr einer anderen Melodie sich zuneigen als Seiner Stimme und würden des Menschen Füße einen anderen Weg gehen als Seinen Weg.«

»An diesem Tage weht der Hauch Gottes, und Sein Geist hat alle Dinge durchdrungen. So mächtig ist die Ausgießung Seiner Gnade, daß die Feder ruht und die Zunge schweigt. Kraft dieser Stufe haben sie für sich den Anspruch erhoben, die Stimme der Gottheit und dergleichen zu sein, während sie kraft ihrer Stufe als Gesandte sich als die Gesandten Gottes erklärt haben. In jedem Fall haben sie einen Ausspruch getan, der den Gegebenheiten des Augenblicks angepaßt war, und haben alle diese Erklärungen sich selbst zugeschrieben, Erklärungen, die sich vom Reich göttlicher Offenbarung bis zum Reich der Schöpfung erstreckten und vom Bereich der Göttlichkeit bis zum Bereich irdischen Daseins. Daher rührt es, daß alle ihre Aussprüche, ob sie dem Reich der Gottheit, des Herrn, des Propheten, des Gottgesandten, des Hüters, des Apostels oder des Dieners zugehören, alle wahr sind ohne den Schatten eines Zweifels. So müssen diese Sprüche, die Wir zur Stützung Unseres Beweises angeführt haben, aufmerksam erwogen werden, damit die voneinander abweichenden Worte der Manifestationen des Unsichtbaren und der Morgendämmerungen der Heiligkeit nicht mehr die Seele erregen und den Geist verwirren.« (Bahá’u’lláh, Das Buch der Gewißheit, S.119f)

Wenn Bahá’u’lláh als Mensch spricht, ist die Stufe, die Er in Anspruch nimmt die äußerster Bescheidenheit, des »Aufgehens in Gott«. Was die »Manifestation« in ihrer menschlichen Persönlichkeit anderen Menschen gegenüber auszeichnet, ist ihre völlige Selbstverleugnung und die Vollkommenheit ihrer Macht. Unter allen Umständen ist sie fähig zu sagen, wie Jesus im Garten Gethsemane: »doch nicht mein, sondern Dein Wille geschehe«. So sagt Bahá’u’lláh in Seinem Brief an den Sháh:

»O König! Ich war nur ein Mensch wie andere und schlief auf Meinem Lager – siehe da wehten die Winde des Herrlichsten über Mich und gaben Mir Kenntnis von allem, was war. Diese Sache ist nicht von Mir, sondern von Dem, welcher allmächtig und allwissend ist. Und Er gebot Mir, Meine Stimme zu erheben zwischen Erde und Himmel, und um dessentwillen befiel Mich, worüber ein jeder Mensch mit Einsicht weinte. Die allgemein übliche Gelehrsamkeit der Menschen studierte Ich nicht; Ihre Schulen betrat Ich nicht. Frage nach in der Stadt, wo Ich wohnte, auf daß du wohl versichert seiest, daß Ich nicht zu denen gehöre, die falsch reden. Dies ist nur ein Blatt, das die Winde des Willens deines Herrn, des Allmächtigen, des Allgepriesenen, bewegt haben. Kann es ruhig bleiben, wenn der Sturmwind weht? Nein, bei Ihm, dem Herrn aller Namen und Eigenschaften! Er bewegt es, wie Er will. Das Vorübergehende ist wie ein Nichts vor Ihm, dem Ewigen. Sein allbezwingender Ruf hat Mich erreicht und ließ Mich Seinen Lobpreis unter allem Volke anstimmen. Fürwahr, Ich war wie ein Toter, als Sein Befehl erscholl. Die Hand des Willens deines Herrn, des Mitleidigen, des Barmherzigen, verwandelte Mich. Kann irgend jemand aus eigenem Willen das aussprechen, weswegen alle Menschen, hoch und niedrig, sich gegen ihn erheben werden? Nein, bei Ihm, Der die Feder die ewigen Geheimnisse lehrte: das kann nur, wem die Gnade des Allmächtigen, des Allgewaltigen Kraft gab.«

(BAHÁ’U’LLÁH, Lawh-i-Sultán, zit. in `Der Verheißene Tag ist gekommen` S.71f)

Wie Jesus die Füße Seiner Jünger wusch, so hat Bahá’u’lláh manchmal Speise für Seine Jünger bereitet und andere niedrige Dienste für sie verrichtet. Er war ein Diener der Diener und war im Dienen einzig glücklich. Er war zufrieden, auf hartem Boden zu schlafen, falls es notwendig war, und nur von Brot und Wasser zu leben oder selbst zeitweise, wie Er es nannte, von »göttlicher Nahrung, das heißt, Hunger zu leiden«. Seine vollendete Demut war zu erkennen an Seiner tiefen Ehrfurcht vor der Natur, vor dem menschlichen Wesen und besonders vor den Heiligen, den Offenbarern und den Märtyrern. Zu Ihm sprachen alle Dinge von Gott, vom kleinsten bis zum größten.

Seine menschliche Persönlichkeit ist von Gott auserwählt worden, das göttliche Sprachrohr und die göttliche Feder zu sein. Es war nicht Sein eigener Wille, daß Er diese Stellung von unvergleichlicher Schwierigkeit und Härte auf sich nahm. Wie Jesus sagte: »Vater, ist’s möglich, so lasse diesen Kelch an Mir vorübergehen«, so sagte Bahá’u’lláh (im Ishráqát):

»Hätte sich ein anderer Erklärer und Sprecher gefunden, so hätten Wir Uns nicht dem Tadel, dem Hohn und den Verleumdungen seitens der Menschen preisgegeben.«

Aber der göttliche Ruf war klar und zwingend, und Er gehorchte. Gottes Wille wurde Sein Wille, und was Gott wohlgefiel, erwählte Er auch für Sich. Und mit »strahlender Ergebung« erklärte Er (im Brief an den Sohn des Wolfes S.31):

»Wahrlich, Ich sage: Was sich auch immer auf dem Pfade Gottes zuträgt, es ist das Wohlgefallen der Seele und der Wunsch des Herzens. Tödliches Gift ist auf Seinem Pfade reiner Honig und jede Trübsal ein Trunk kristallklaren Wassers.«

Zu anderen Zeiten sprach Bahá’u’lláh, wie wir schon erwähnten, »von der Stufe der Gottheit« aus. In diesen Äußerungen tritt Seine menschliche Persönlichkeit so vollkommen zurück, daß sie völlig außer Betracht bleibt. Durch Ihn spricht Gott zu Seinen Geschöpfen, verkündet Seine Liebe zu ihnen, lehrt sie Seine Merkmale, gibt ihnen Seinen Willen bekannt, verkündet Seine Gesetze zu ihrer Führung und fordert ihre Liebe, ihre Ergebenheit, ihren Dienst.

In den Schriften von Bahá’u’lláh wechselt die Redeweise häufig von der einen Form zur andern. Manchmal ist es zweifelsohne der Mensch, der spricht, dann, ohne eine Pause, fährt der Text fort, als ob Gott selbst sprechen würde. Jedoch auch, wenn Er als Mensch spricht, spricht Bahá’u’lláh als Gottes Gesandter, als ein lebendes Beispiel völliger Ergebenheit in Gottes Willen. Sein ganzes Leben wird vom Heiligen Geist in Bewegung gehalten. Deshalb können keine bestimmten, klaren Linien gezogen werden zwischen den menschlichen und den göttlichen Elementen in Seinem Leben und Seiner Lehre. Gott sagt zu Ihm:

»Sprich: Nichts ist in Meinem Tempel zu sehen als Gottes Tempel und in Meiner Schönheit nur Seine Schönheit, in Meinem Wesen nur Sein Wesen, in Mir nur Er, in Meinem Walten nur Sein Walten, in Meiner Ergebung Seine Ergebung, in Meiner Feder Seine Feder, die Kostbare, die Gepriesene. Sprich: Es gab in Meiner Seele nichts als die Wahrheit, und in Mir kann man nichts sehen als Gott.«¹

¹ Bahá’u’lláh, Súratu’l-Haykal, S.30

+3:14 #64 Seine Sendung

Die Sendung von Bahá’u’lláh auf der Welt ist, die Einheit zu verwirklichen, die Einheit aller Menschen in und durch Gott. Er spricht:

»Vom Baum der Erkenntnis ist folgendes erhabene Wort die allerherrlichste Frucht: Von einem Baum seid ihr alle die Früchte und von einem Zweige die Blätter. Lasset niemand sich rühmen, daß er sein Land liebe, sondern eher dessen, daß er das ganze Menschengeschlecht liebt.«

Die früheren Offenbarer haben ein Zeitalter des Friedens auf Erden angekündigt, des Wohlgefallens unter den Menschen, und haben ihr Leben dahingegeben, um Sein Kommen zu beschleunigen; aber sie alle haben deutlich erklärt, daß diese gesegnete Erfüllung sich erst ereignen wird nach dem »Kommen des Herrn« in den letzten Tagen, wenn der Gottlose gerichtet und der Gerechte belohnt wird.

Zarathustra prophezeite 3000 Jahre des Streites vor dem Kommen des Sháh Bahrám, des Welterlösers, der Ahriman, den Geist des Bösen, überwinden und ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufrichten würde.

Moses sagte einen langen Zeitabschnitt von Verbannung, Verfolgung und Unterdrückung für die Kinder Israels voraus, ehe der Herr der Heerscharen erscheinen werde, sie aus allen Nationen zu sammeln, ihre Unterdrücker zu vernichten und Sein Königreich auf Erden aufzurichten.

Christus sprach: »Ihr sollt nicht wähnen, daß Ich gekommen sei, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.« (Matth.10:34) Und Er sagte eine Zeit von Kriegen und Kriegsgeschrei voraus, von Aufruhr und Trübsalen, die dauern würden bis zum Kommen des Menschensohnes »in der Herrlichkeit des Vaters«. Muhammad erklärte, daß wegen ihrer Missetaten Gott Feindschaft und Haß gesetzt habe zwischen Juden und Christen, die dauern werden bis zum Tage der Auferstehung, wenn Er erscheinen werde, um sie alle zu richten.

Bahá’u’lláh andererseits verkündet, daß Er der von allen diesen Offenbarern Verheißene sei, die göttliche Manifestation, in deren Zeitalter das Reich des Friedens tatsächlich aufgerichtet werde. Diese Erklärung ist beispiellos und einzigartig, aber sie paßt wundervoll zu den Zeichen der Zeit und zu den Prophezeiungen aller großen Offenbarer. Bahá’u’lláh offenbarte mit unvergleichlicher Klarheit und Verständlichkeit die Mittel, um Frieden und Einigkeit unter den Menschen hervorzurufen.

Es ist wahr, daß seit dem Kommen von Bahá’u’lláh und noch jetzt Krieg und Zerstörung in nie dagewesenem Maße stattgefunden haben, aber dies ist gerade das, was alle Offenbarer sagten, daß es sich ereignen werde beim Dämmern des »großen und schrecklichen Tages des Herrn«, und ist somit nur eine Bestätigung der Ansicht, daß das »Kommen des Herrn« nicht nur bevorsteht, sondern bereits vollendete Tatsache ist. Dem Gleichnis Christi zufolge muß der Herr des Weinbergs erst das gottlose Gesinde übel umkommen lassen, bevor Er den Weinberg an andere gibt, die Ihm die Früchte zu rechter Zeit geben. Bedeutet dies nicht, daß beim Kommen des Herrn schreckliche Vernichtung der despotischen Regierungen harrt, der habsüchtigen und unduldsamen Priester, der Mullás, der tyrannischen Führer, die Jahrhunderte hindurch, dem gottlosen Gesinde gleich, die Erde schlecht verwaltet und die Früchte vergeudet haben?

Mag es schreckliche Ereignisse geben und nie dagewesenes Elend auf der Erde herrschen, Bahá’u’lláh versichert uns: »Binnen kurzem werden diese nutzlosen Streitigkeiten, diese zerstörenden Kriege aufhören und der Größte Friede wird kommen.«

Krieg und Streit sind mit ihren zerstörenden Kräften so unerträglich geworden, daß die Menschheit sich davon losmachen muß oder zugrunde geht.

»Die Fülle der Zeiten« ist gekommen und mit ihr der verheißene Erlöser!

+3:15 #66 Seine Schriften

Die Schriften von Bahá’u’lláh sind in ihrem Bereich sehr umfassend; sie geben sich mit jeder Phase des menschlichen Lebens ab, mit dem des einzelnen wie mit dem der Gesellschaft, mit materiellen und geistigen Dingen, mit der Auslegung alter und neuer Schriften und mit der prophetischen Voraussicht der nahen wie der fernsten Zukunft.

Die Stufe und Genauigkeit Seiner Erkenntnis waren bewundernswürdig. Er konnte die heiligen Schriften der verschiedenen Religionen anführen und auslegen, mit denen die, die brieflich mit Ihm verkehrten oder Ihm Fragen stellten, vertraut waren, und zwar in überzeugender und achtunggebietender Weise, obgleich Er offensichtlich nie die Möglichkeit gehabt hatte, auf die gewöhnliche Art zu vielen der Bücher zu kommen, auf die Er sich bezog. Im Brief an den Sohn der Wolfes erklärt Er, daß Er nie den Bayán gelesen habe, obgleich Er in Seinen Büchern die vollkommenste Kenntnis und das vollkommenste Verständnis für die Offenbarung des Báb beweist. (Der Báb erklärte, wie wir wissen, daß Seine Offenbarung, der Bayán, Ihm eingegeben und ausgegangen sei von »Dem, den Gott offenbar machen werde«!)

Mit der einzigen Ausnahme eines Besuches von Professor Browne, mit dem Er im Jahr 1890 vier Unterredungen hatte von jeweils zwanzig bis dreißig Minuten Dauer, hatte Er keine Gelegenheit, mit geistreichen abendländischen Gelehrten zu verkehren, und doch zeigen Seine Schriften einen wunderbaren Scharfblick für die sozialen, politischen und religiösen Probleme des Abendlandes, und selbst Seine Feinde mußten zugeben, daß Seine Weisheit und Erkenntnis unvergleichlich waren. Die wohlbekannten Umstände Seiner langen Einkerkerung schließen jeden Zweifel aus, daß viel von dem Reichtum an Erkenntnis, der sich in Seinen Schriften zeigt, aus geistigen Quellen entnommen sein muß und völlig unabhängig von der gewöhnlichen Übermittlung durch Studium oder Unterricht und von der Hilfe durch Bücher oder Lehrer ist.¹

Bisweilen schrieb Er in modernem Persisch, der üblichen Sprache Seiner Landsleute, die reichlich mit Arabisch durchsetzt ist. Zu andern Zeiten wieder, wenn Er sich z.B. an gelehrte Zarathustrier wandte, schrieb Er in reinstem klassischen Persisch. Er schrieb auch mit der gleichen Flüssigkeit Arabisch, manchmal in ganz einfacher Sprache, manchmal im klassischen Stil, ähnlich dem des Qur’án. Seine völlige Meisterschaft in diesen verschiedenen Sprachen und Stilen war bemerkenswert angesichts des völligen Fehlens literarischen Unterrichts.

In manchen Seiner Schriften ist der Weg der Heiligung in solch einfachen Ausdrücken bezeichnet, daß der »Pilgersmann, sei er gleich töricht, sich darin nicht irren kann« (vgl. Jesaia 35:8). In andern findet sich ein Reichtum an poetischer Bildhaftigkeit, tiefer Philosophie und Anspielungen auf muhammadanische ,zarathustrische und andere Schriften, oder auf persische oder arabische Literatur und Legenden, wie ihn nur der Dichter, der Philosoph oder der Gelehrte hinreichend würdigen kann. Wieder andere beschäftigen sich mit den vorgeschrittenen Stufen des geistigen Lebens und können nur von solchen verstanden werden, die bereits die ersten Stufen hinter sich haben. Seine Werke gleichen einer wundervollen Tafel, die besetzt ist mit Speisen und Köstlichkeiten, die den Bedürfnissen und dem Geschmack aller angepaßt sind, die echte Sucher nach Wahrheit sind.

Dem ist es zu verdanken, daß Seine Sache Erfolg hat bei den Gelehrten und Gebildeten, bei vergeistigten Dichtern und wohlbekannten Schriftstellern. Sogar viele Führer der Sáfí und anderer Sekten und einige Minister, die Schriftsteller waren, wurden von Seinen Worten angezogen, denn sie übertrafen die aller andern Schriftsteller an Feinheit und Tiefe der geistigen Bedeutung.

¹ Als ‚Abdu’l-Bahá gefragt wurde, ob Bahá’u’lláh sich eines besonderen Studiums der Schriften des Westens unterzogen und Seine Lehren in Übereinstimmung mit diesen aufgestellt habe, sagte Er, daß die Bücher von Bahá’u’lláh, die schon um 1870 geschrieben und gedruckt worden seien die dem Westen heute so vertrauten Ideale enthielten, obgleich zu jener Zeit diese Gedanken im Westen weder gedruckt noch erdacht worden waren.

+3:16 #68 Der Bahá’í-Geist

Von dem Orte Seiner Verbannung, dem fernen ‚Akká aus wühlte Bahá’u’lláh sein Heimatland Persien in seinen Tiefen auf; und nicht nur Persien. Er erschütterte die Welt und wird sie noch mehr erschüttern. Der Geist, der Ihn und Seine Gefährten beseelte, war unendlich edel, zuvorkommend und geduldig; aber er war eine Kraft von erstaunlicher Lebendigkeit und übernatürlicher Macht. Er vollbrachte das scheinbar Unmögliche. Er wandelte die menschliche Natur. Menschen, die sich seinem Einfluß unterwarfen, wurden zu neuen Geschöpfen. Sie wurden erfüllt von einer Liebe, einem Glauben und einer Begeisterung, mit denen verglichen irdische Freuden und Sorgen nichtig waren. Sie wurden fähig, lebenslänglichen Leiden oder dem drohenden Tod mit vollkommenem Gleichmut, ja mit strahlender Freude ins Angesicht zu sehen in der Kraft furchtloser Abhängigkeit von Gott.

Am wunderbarsten war es, daß ihre Herzen so von Freude über das neue Leben überströmten, daß kein Raum blieb für bittere Gedanken oder Rachsucht gegen ihre Unterdrücker. Sie verzichteten völlig auf Anwendung von Gewalt bei ihrer Selbstverteidigung, und anstatt ihr Schicksal zu betrauern, betrachteten sie sich als die glücklichsten Menschen, da sie den Vorzug hatten, diese neue und herrliche Offenbarung zu empfangen und ihr Leben zu opfern oder ihr Blut zu vergießen, um für ihre Wahrheit zu zeugen. Wohl konnten ihre Herzen singen vor Freude, denn sie glaubten, daß Gott, der Erhabene, der Ewige, der Geliebte, zu ihnen gesprochen habe durch menschlichen Mund, daß Er sie berufen habe zu Seinen Dienern und Freunden, daß Er gekommen sei, Sein Königreich auf Erden aufzurichten und einer kriegsgewohnten, in Kampf verstrickten Welt die unvergleichliche Gnade des Friedens zu bringen.

Solcher Art war der Glaube, den Bahá’u’lláh in die Herzen trug. Er kündigte Seine eigene Sendung an, wie der Báb von Ihm vorausgesagt hatte, und dank der ergebenen Arbeit Seines großen Vorläufers waren Tausende bereit, Sein Kommen anzuerkennen. Tausende, die Aberglauben und Vorurteile abschüttelten und reinen Herzens und offenen Geistes auf die Manifestation von Gottes verheißener Herrlichkeit warteten. Armut und Ketten, widrige Umstände und äußere Schande konnten ihnen nicht die geistige Herrlichkeit ihres Herrn verbergen, nein, diese dunklen irdischen Begleiterscheinungen dienten nur dazu, die Strahlen Seines wahren Glanzes zu verstärken.

Quelle:    BAHÁ’U’LLÁH UND DAS NEUE ZEITALTER 

Autor J. E. Esslemont und Shogi Effendi in London

J. E. ESSLEMONT             BAHÁ’Í-VERLAG

Titel des englischen Originals: Bahá’u’lláh and the New Era, by Dr. John Ebenezer Esslemont, London 1923. Third Revised Edition, Wilmette Ill. (U.S.A.) 1970, Copyright by The National Spiritual Assembly of the Bahá’ís of the United States of America.

Deutsch nach der dritten revidierten englischen Ausgabe von 1970 überarbeitete 8.Auflage 1986

ISBN 3 87037 184 6 (c) Bahá’í-Verlag GmbH D-6238 Hofheim-Langenhain

Das Bahá’í-Neujahr auch Náw-Ruz genannt, findet am Tag des Frühlingsäquinoktiums statt. Es ist der Jahresbeginn der Bahá’í und markiert gleichzeitig den Abschluß der Fastenzeit. Wie bei allen Bahá’í-Feiertagen sind Gäste herzlich willkommen.

„In jedem Zyklus und mit jeder Offenbarung gibt es in den geheiligten Gesetzen Gottes gesegnete Feste, Feiertage und arbeitsfreie Tage. An solchen Tagen sollten alle Arten von Beschäftigung, Handel, Industrie, Landbau und dergleichen unterlassen werden.“

„Alle sollten sich miteinander freuen, allgemeine Versammlungen abhalten, wie eine Gemeinde werden, damit die nationale Einheit, Einigkeit und Harmonie allen vor Augen geführt wird.“

„Weil es gesegnete Tage sind, sollten sie nicht vernachlässigt oder ihrer Wirkung beraubt werden, indem man sie zu Tagen macht, an denen man sich nur dem Vergnügen hingibt. Während solcher Tage sollten Einrichtungen geschaffen werden, die von dauerndem Segen und Wert für die Menschen sind …“

„Heute trägt nichts größeren Erfolg oder größere Frucht als die Führung der Menschen. Unzweifelhaft müssen an solchem Tag menschenfreundliche oder ideale Spuren von den Freunden Gottes sichtbar zurückbleiben, die in die ganze Menschheit hinaus dringen und nicht nur den Bahá’í zugute kommen. In dieser wundervollen Sendung gelten Menschen dienliche Angelegenheiten für die ganze Menschheit ohne Ausnahme, weil jene die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes ist. Es ist daher meine Hoffnung, dass die Freunde Gottes, jeder und alle, wie die Barmherzigkeit Gottes zur ganzen Menschheit werden mögen.“

 (Aussprache: Reswan)
Die Bedeutung des Wortes ist „Paradies“ und es bezeichnet den Najibiyyih-Garten am Ufer des Tigris und vor den Toren der Stadt Baghdád gelegen. Mit diesem Festtag erinnern wir an die öffentliche Verkündigung Bahá’u’lláhs, dem Stifter der Bahá’í-Religion, die Er in diesem Garten vor Seiner Familie, Seinen Freunden, Begleitern und anwesenden Besuchern vollzog. Es war das Jahr 1863 und er hatte es bis dahin >für Sich< gehalten hatte, dass Er von dieser großen Ihm über- und aufgetragenen Aufgabe bereits im Siyyid Chal in Teheran Kenntnis erhielt. Bereits dort, in diesem schwarzen Loch, erhielt Er die Botschaft, dass Er der Verheißene sei, der Gottes Botschaft den Menschen erneut zu überbringen habe. Was gleichzeitig bestätigte, dass Er der Verheißene ist, auf  den alle Heiligen Schriften aller Religionen hingewiesen haben und den alle sehnsüchtig erwarteten.
Diese Seine Verkündigung wird alljährlich durch das zwölftägige
Ridvan-Fest gefeiert, welches Shoghi Effendi als das Fest der Feste bezeichnet. Bahá’u’lláh selber nannte es den „König der Feste“! Die Tage unterliegen  unterschiedlichen Bedeutungen und Schwerpunkten.

So ist der erste Tag Seiner Ankunft im Ridvan-Garten am späten Nachmittag gewidmet. Bereits an diesem ersten Tag im Garten Ridván erklärte Er sich Seinen Anhängern, Freunden und der Familie.

Es sind im Bahá’í-Glauben arbeitsfreie Tage. In Orten – wie z.B. unsere Stadt Düsseldorf – in denen die Bahai-Gemeinde seit 1950 in organisierter Form besteht, wird an diesem Tag auch das Gemeindegremium, der >Örtliche Geistige Rat der Bahá’í in Düsseldorf< gewählt. Auch nationale und Internationale Wahlen fallen in diesen Zeitraum. Somit sind die Wahlen an diesem Tag gleichzeitig auch eine Reminiszenz* an den Tag, so Bahá’u’lláh, an dem sich „die göttlichen Eigenschaften über die gesamte Schöpfung ergossen und diese so reingewaschen wurde“. Sein Verbot jeglicher Form religiöser Gewalt geht ebenfalls auf diesen Tag zurück. Am neunten Tag erklärte Er sich in inhaltlich vertiefender Form Seiner Familie. Der zwölfte Tag war ein Tag des Abschieds von Seiner Familie, Freunden und Anhängern die ihn nicht weiter begleiten durften. Er musste sich auf Anordnung der Machthaber des osmanischen Reiches nach Istanbul aufbrechen, Seinem neuen Verbannungsort.**  Auch in der Nähe von ´Akká im heutigen Israel befindet sich einen Garten gleichen Namens. Er diente der Erholung nach langer Verbannung und Kerkerhaft und wurde mittlerweile zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.

* Reminiszenz, lat. Reminisci/ sich erinnern
** In der ‚Ährenlese ‚Kap.14 Seiner Schriften, finden sich ausführlichere Hinweise und Erklärungen

Ridvan, Der neunte Tag
Was gibt es schöneres – liebe Leser – als ein Fest zu feiern. Ein Fest, an dem man zusammen kommt, um sich an einen viel größeren Tag in der Vergangenheit zu erinnern und in seinem Gedenken und den Geschehnissen jenes Tages zu erinnern.
Der neunte Tag des Aufenthaltes Bahá’u’lláhs im Garten Ridvan, war der Tag an dem Er sich seiner Familie erklärte. Erklärte, dass Er derjenige Sei, auf den die Religionen der Welt seit Jahrhunderten warteten. Dass Er es ist, der die Geheimnisse und Unklarheiten und bis dahin nicht zu lösenden Fragen der heiligen Schriften vorheriger Offenbarer lösen werde. Er, der Erneuerer, der Befehlsempfänger Gottes, der die Menschheit wieder auf den geraden Pfad zu bringen beabsichtigt.
Man muss sich sicher der ehrfurchtgebietenden Majestät Bahá’u’lláhs erinnern, mit der Er damals auftrat. Keine Vergleich zu den Attacken die Seine Vorgänger über sich ergehen lassen mussten, weil sie einen Sprachfehler hatte, vaterlos oder unfähig zur Zeugung eines männlichen Nachkommens waren. Bahá’u’lláhs Herrlichkeit war so überzeugend, dass sich in Seiner Gegenwart jeder geringwertig fühlte. Selbst Seine Feinde wurden kleinlaut, wenn sie Ihm begegneten und vielen verschlug es schlicht die Stimme. In diesem Garten war es anders. Viele Freunde hatten bereits eine Ahnung davon, dass Er mehr sei als nur eine herausragende Persönlichkeit. Sie wussten um Sein Wissen, sie erlebten Seine Argumentation und Wortführung, dem sie nichts entgegenzusetzen hatten. Nach Seiner Verkündigung machte sich eine Freude breit; alle Trübsal und Trauer waren verschwunden. Die Gläubigen waren beglückt von dieser Verkündigung. Obwohl Bahá’u’lláh im Begriff stand in ein weit entferntes Land verbannt zu werden und obwohl man um Leid und Drangsale wusste oder diese ahnte, wandelte Er doch durch diese historische Erklärung allen Kummer in selige Freude und verbrachte die schönsten Tage Seiner Amtszeit im Garten Ridvan. In einem Tablet(einer Sendschreiben) nannte ER ihn den>Tag höchster Glückseligkeit< und fordert seine Anhänger auf, „von höchster Freude erfüllt zu sein, wen sie dieses Tages gedenken.
Dies nehmen wir auch heute zum Anlass, diesen Tag in dieser  beschriebenen Freude zu erleben. Nehmen tief ergeben in unserer Aufgabe zur Kenntnis, in welcher herausragenden Zeit wir leben
und diesen Glauben zu verbreiten uns bemühen. Einen Glauben, der die  Menschen auf den umfassend neuen Weg leitet – in nie endender Begleitung, wie Er es uns in Seinen Schriften offenbart hat.

Ridván der zwölfte Tag
Wir haben kaum ein Vorstellung von der Liebe und Bewunderung der Menschen in der Stadt Bagdad für Bahá’u’lláh. An diesem zwölften Tag jedoch brachen alle Rekorde. Für Freund und Feind wurde Seine Majestät und Größe offenkundig. Seine bevorstehende Abreise in die Verbannung an entlegenste Orte der Welt macht schnell die Runde. In Windeseile verbreitete sie sich und in einer großen Anzahl kam die Familie, die Freunde und in Scharen Seine Bewunderer, um ein letztes Mal ihre Zuneigung, Hochachtung und Verehrung zu bezeugen.
Najhib Pasha, eine Standesperson der Stadt wusste von der Verehrung und hatte Bahá’u’lláh rechtzeitig seinen Garten, den Najíbiyyih-Garten zur Verfügung gestellt. Die Erregung in der Stadt bezüglich Seiner weiteren Verbannung war so, dass man sagen kann die Stadt hatte so etwas noch nicht erlebt. Groß und klein, arm und reich, Handwerker und Männer von Bildung und Kultur füllten die Straßen, Wege, Häuser und Dächer. Sie jammerten und weinten über den Abschied des Mannes, der ihnen ein Jahrzehnt lang Seine Liebe, seine Herzenswärme und Seinen strahlenden Geist vermittelt hatte; Führer und Zuflucht für jeden war der Ihm begegnete. Aber auch für diejenigen, die mit der Seelenqual und dem Schmerz Seiner Anhänger nicht nachempfinden konnten, war es nicht zu übersehen, dass hier ein Mann außerordentlicher und herausragender Größe ihren Weg passierte. Sie sahen die Menschen sich vor ihm  iederwerfen, in Tränen aufgelöst und voller Abschiedsschmerz.
Zweifellos waren dies auch für den Offenbarer selber herausragende Tage. Unzweideutig hatte er auf Seine Sendung hingewiesen, Seine Stellung zum Báb, Seinem Vorgänger, geschildert, erläutert und ein Bündnis mit Seinen Anhängern geschlossen. Anders als normal sterblich handeln Manifestationen Gottes völlig unabhängig von anderen Menschen; niemand kann, so Taherzadeh, Ihm helfen. Seine Seele ist nicht an die Grenzen der Menschenwelt gebunden, sein Geist nicht überwältigt, wenn Er sich einer Vielzahl von Problemen gegenübersieht. Widerstände unter deren Druck selbst der fähigste Mensch  zusammenbrechen würde, lassen Ihn unberührt; Er kann Seine Gedanken auf jedes beliebige andere Thema umleiten:
„Nichts kann ihn hindern, sich mit irgend etwas anderem zu befassen.“
Seine Offenbarung, die längst begonnen hatte, nahm in jenen Tagen ihre öffentliche Position ein und diese wirkt in den kommenden Jahrtausend weiter.

Literatur:

Bahá’u’lláh, Die Ährenlese
Esselmont, Bahá’u’lláh und das neue Zeitalter

Adib Taherzadeh, Die Offenbarung Bahá’u’lláhs, Band I-IV
Kitab-i-Iqan, Das Buch der Gewissheit
Bahá’u’lláh, Brief an den Sohn des Wolfes, Lawh-i-Dhi’b

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